schleierbehaftet

Als hinge den ganzen Tag ein Schleier vor meinen Augen, aber auch über meinem Gehirn. Ich kann nicht denken, nicht atmen, kriege keine Luft. Könnte die ganze Zeit weinen, kann nicht mehr lachen, ersticke.

Hab das Gefühl, ich übertreibe, und gleichzeitig ist alles so untertrieben.

Abenteuer erlebe ich in meinen Träumen, wenigstens da geschieht viel. Doch sind sie nie zu greifen. Vielleicht muss ich das wieder üben, vielleicht wollen sie nicht ergriffen werden. Vielleicht verraten sie zu viel.

(Halle, 28.03.2019)

ping-pong

Alleine, das waren nur die Seltsamen, die Außenseiter, mit denen sowieso keiner zu tun haben will. Die irgendwann mit sich selbst zu reden begannen, weil sie erstens so verrückt waren und zweitens niemanden zum reden hatten. Ein Ping-Pong-Ball, von einer Seite auf die andere geschlagen.

Die, die gerne alleine waren, die damit eigentlich kein Problem hatten, sahen sich durch die Brille der Gesellschaft bald selber wie diese sie; sie wollten nicht mit der Menge gehen, aber sie wollten auch nicht einsam sein, das war etwas völlig anderes. Wenn sie aber versuchten, ein wenig mehr in der Menge mitzumarschieren, sich Menschen anzuschließen allein für das Gefühl, nicht allein zuhause zu sitzen, verpönt war das, obwohl sie das doch gerade am liebsten tun würden, fühlten sie sich danach einsamer als zuvor. Ping-pong, ping-pong.

Ein Dorn im Auge der Tribune waren auch jene Menschen, die andere um sich sammelten, weil diese die Wahrheit ihrer Herzen verspürten und sich genau nach jener sehnten. Diese sprachen von der Wichtigkeit, sich selbst zu lieben, und richteten sich in ihren Reden oft auch gegen die Tribune. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder beginnt, sich selbst zu lieben, und zwar nicht im egoistischen Sinne, nein, das war ja zu befürworten, aber im friedlichen Hippie-Sinne, der alle Waffen, Geldscheine und Erzählungen ruhen ließ und nicht mehr zu manipulieren war? Ein Graus, da wurde den Tribunen schlecht.

Zum Glück war der Großteil der Bewohner leichter verführbar, und selbst wenn eine Blase platzte, befanden sie sich doch in einer weitaus größeren, an die nur eine sehr, sehr große Nadel herankam, die die meisten der Bewohner mittragen müssten. Zum Glück.

freiwilliges Ausziehen

Das menschliche Bedürfnis zu erzählen ist grenzenlos. Und dieses Bedürfnis nutzten die Tribune aus. Sie hatten aus jenen Zeiten gelernt, als ihre Vorgänger mit der Überwachung zu offensichtlich umgegangen waren und jeden kleinsten Verstoß bestraft hatten. In die Erzählungen gingen jene ihrer Vorgänger ein, die besonders gewaltsam entweder mit all ihren Bewohnern oder nur mit bestimmten Gruppen umgegangen waren.

Die Tribune wussten, dass jene Vorgänger sich getäuscht hatten. Nicht einige wenige Bewohner waren das zu lösende Problem, alle waren es. Alle diese armen, ameisengleichen, willenlosen und ekligen Gestalten, ja, es war am einfachsten — und saubersten — einfach sie alle zu überwachen. Aber nicht nur das. Sie hatten es in jahrzehntelanger Arbeit geschafft, die Bewohner zu gleichgültigen Gestalten zu verwandeln, ohne dass sie es selbst bemerkten. Freilich, manche wehrten sich anfangs noch. Das unbekannte Neue macht nun mal Angst.

Doch selbst die, die ihre Mitmenschen am lautesten warnten, verstummten mit der Zeit, denn wenn der Mensch eines liebt, dann ist es ein Werkzeug, das seinen Arm verlängert und sein Leben vereinfacht. Sie hatten es sogar geschafft, dass die Bewohner selbst den Tribunen so viele Informationen wie möglich über sich gaben! Oh, diese Menschenaffen, ein einziger glitzernder Stock reicht aus und sie sind stumm stundenlang.

Wie brachten sie die Bewohner dazu, sich nackig zu machen und alles bis zum kleinsten Detail ihrer Gesundheit und ihres Körpers herzugeben? Sie verkauften es als Vorteil für jeden Menschen, als Erleichterung des Alltags, als „cool“. Sie zwangen alle Firmen der Stadt mitzumachen, und wer nicht mitmachte, galt bald als verdächtig oder war raus aus dem Spiel, ausser Gefecht gesetzt durch fehlenden Fortschrittswillen, durch die eigene Sturköpfigkeit.

Wer bitte will nicht fortschrittlich sein? Wer nicht mit der Masse mitgeht, bleibt irgendwann allein zurück. Und wer will bitte alleine sein? Sie verkauften den Menschen das Alleinsein als Teufel und den Fortschritt als Gott.

sie weigert sich

Warum sie aneckt: Sie weigert sich, auch nur ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie weigert sich, sich bescheiden auszudrücken, zu beschwichtigen. Sie weigert sich, auch nur einen Strahl ihres Selbst zu dimmen, um die Menschen, die doch ihr Licht suchen, weniger zu blenden.

Sie weigert sich zu sagen: Oh, das schreibe ich lieber nicht so, das geziemt sich nicht als Frau. Oh, lieber passe ich mich an, bin eine dieser Frauen mit weichen, kuscheligen Kurven, eine Liebeskugeln mit Löchern, die kann niemanden stören.

Sie weigert sich, nur einen ihrer Gedanken zu verstecken, aus Angst vor der Reaktion der Leute, aus Angst, Gefühle zu verletzen und gegen gegenwärtige Moralvorstellungen zu verstoßen. (Dabei, wie wir schon seit Friedrich wissen, befinden wir uns immer jenseits dieser, solange wir aus Liebe handeln. Oder mit Dopewalka gesprochen: Was interessiert mich die Moral, solang‘ die Liebe sich von selbst versteht. Das nur nebenbei.)

Nun, da ist also diese Frau, die sich erdreistet, in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Die sich erdreistet, das anzuziehen, was ihr gefällt, die sich andere Umgangsformen wünscht, die einfach eine ganz außergewöhnliche Figur darstellt. Sie polarisiert, und niemand weiß mehr damit umzugehen, wenn ein Mensch — und noch dazu eine Frau — derart geradlinig, selbstbewusst und anspruchsvoll ist.

Das ist sie auch in ihren Texten. Sie schreibt selbstvergessen und hochgradig aufrichtig, eine Bedingung für herausragende Literatur – und die ist in diesem unüberschaubaren Haufen an gedruckten Büchern und Autor(innen) selten.

Ja wie, sie will uns die Welt erklären, wie soll das denn gehen? Ein so junger Mensch, der hat doch noch nichts vom Leben gesehen. Sie gebärdet sich, als wär‘ sie ihre Großmutter, als hätte auch sie mindestens achtzig Jahre auf dem gekrümmten Buckel.

Muss man denn erst alt sein um zu wissen? Wissen nicht manche Kinder dieser Welt schon mehr vom Leben, haben mehr gesehen als die meisten Intellektuellen und Literaten hier im Land? Sind es denn die Jungen, die unsere Zukunft gefährden, weil sie der Glanz des Goldes mehr interessiert als das Glitzern der Sonne auf dem steigenden Meeresspiegel?

(Gedanken zu einer öffentlichen Person, über die gerade viel diskutiert wird. Die Zeilen über ihr Buch habe ich nach dem Lesen der ersten paar Seiten verfasst; nach fortgesetzter Lektüre würde ich dem nicht mehr zustimmen, ich war sogar gelangweilt von ihrem Stil, die Geschichte wurde dadurch nicht spannender, und auch ihr Wortreichtum wirkt irgendwann nicht mehr lustig, sondern konstruiert und deplatziert. So.)

Bunte Löcher

Mit Maschinengewehren durchlöchern sie die Wände. Dort, wo die Kugeln durch die Wald dringen, hinterlassen sie einen bunten Fleck.

Smartieswand. Styroporwand.

Das passiert in dem einen Raum. Wir fliehen in den nächsten. Wir, das sind ich und noch viele andere Kinder, meine Brüder, meine Eltern.

Ich bin allein in einem langen Flur. Weiße Wände und weiße Stahltüren. Ganz am Ende öffne ich eine Tür mit rotem Lederbezug. Mein Blick fällt auf einen riesigen Kinosaal, in dem die Sitze nur bis zur Hälfte ansteigen und dann wieder an Höhe verlieren. Als hätten sie einen großen Knick in der Mitte. In der vorderen Hälfte sehe ich meine Eltern, sie starren ganz gebannt auf sich selbst auf der Leinwand, ich höre meine Mama sprechen.

In der hinteren Hälfte sitzen meine Großeltern. Sie winken mir fröhlich zu, obwohl sie wegen des Knicks doch gar nichts sehen können und draußen vor der Tür gerade unzählige Menschen getötet werden. Wie können sie so scheinbar unbeschwert hier sitzen und Film schauen? Sind wir in diesem Kinosaal etwa sicher?

Ich würde gerne zu ihnen gehen, alles um mich herum vergessen, ihre Liebe spüren. Aber meine Füße tragen mich rückwärts hinaus.

Wieder zurück im weißen Flur mit den weißen Stahltüren. Schritte. Ich verstecke mich in einem der Räume, es scheint eine Abstellkammer zu sein mit Waschbecken und gefährlich aussehender Spritze im Schrank hinter dem Spiegel. Ich nehme sie vorsichtshalber an mich.

Vor der Tür höre ich Männerstimmen und wage einen Blick nach draußen. Es handelt sich um den Mann, vor dem mich alle gewarnt haben. Der verantwortlich ist für all die toten Menschen, für den versuchten Mord an uns. Und den, den sie noch vollenden werden. Der Mann mit dem zwei Finger breiten Oberlippenbart. Er hält sich normalerweise hinter der dritten Stahltür auf, die niemand sonst betreten kann, weil sich dahinter ein Tresor verbirgt.

Er sieht mich nicht. Ganz fest umklammert meine Hand die Spritze, bereit für alles, was da kommen mag.

Er verschwindet in seinem Tresor. Ich traue mich nach draußen. Seine Soldaten können mich jederzeit erwischen, aber auch einer meiner Mitstreiter könnte auftauchen. Mich drängt es in den nächsten Raum, wo sich die Toilette und Dusche des Oberlippenbartmannes befindet. Ich muss mal. Die Tür ist zugesperrt, für ein paar Sekunden habe ich meine Ruhe und bin erleichtert.

Da rüttelt jemand an der Tür, rüttelt stark, das Schloss ist schwach, das Schloss geht auf. Er ist es, auch er hat wohl ein dringendes Bedürfnis. Er starrt mich mit unverhohlenem Ekel und Hass an.

Seine schwer bewaffneten Männer tauchen im Hintergrund auf, menschliche Hüllen ohne Willen, aber mit dem unwiederbringlichen Tod in den Händen.

Ich stehe auf, mich dem Schicksal ergebend – schon wieder hat es mich erwischt – und verlasse mit den Zombies den Raum.

Ich wache auf.