Insthaargram

Mir träumte nun endlich wieder etwas Gräusliches. Bestimmt hatte meine Reise in den Iran vorletzte Woche etwas damit zu tun.

Wir, das waren meine Eltern und ich, aber auch noch ein paar Freunde, waren in einem Paradies von Garten. Wenn ich zurückdenke, könnte es der Naranjestan-Garten gewesen sein, aber vielleicht täuscht mich da auch schon die Erinnerung.

In diesem traumhaften Garten mit Springbrunnen, Palmen, exotischen Pflänzchen und Blumen spazierten auch einige Tiger mit ihren Kindern.

Tiger sind bei erster Betrachtung mit die schönsten Tiere, die es auf dieser Erde gibt, und doch auch die gefährlichsten. Sie machten allerdings nicht diesen Anschein, denn sie fraßen Pflanzen, lachten, und waren uns Menschen sehr gefällig.

Wie es aber in solchen Träumen eben so ist – dieser Zustand war nicht von Dauer. Denn plötzlich waren diese liebevollen Tierchen, auch die Baby-Tiger, hungrige, nach Blut dürstende Monster, die uns, einen nach dem anderen, in die Waden, sich dort fest bissen und nicht wieder losließen.

Ein Albtraum.

Wie in den vor 2500 Jahren in den Stein gemeißelten Bildern in Persepolis, wo die Löwen die Hirschen beißen (und vermutlich töten, aber wie diese Szenen ausgehen, kann man ja bei Stein-Bildern nie genau sagen, vielleicht machen sie den Hirschen ja nur einen ziemlich fiesen Knutschfleck).

Zum Glück befreite mich mein Gehirn bald von diesem grauenvollen Stress, und setzte mich auf einen Liegestuhl in die Sonne (vielleicht in Shiraz?).

So ein wunderbarer Moment, der muss gleich mal für Instagram zum Neidisch-Machen festgehalten werden. Ich ziehe noch schnell meine hochhackigen Schuhe an und fast ist das Foto fertig – Klick! Doch was ist das?!

Ich entdecke – und es ekelt mich an – meine Beinhaare, die an die 30 cm lang sind, einen dichten Flies ergeben und zusammen mit den Stilettos aussehen, als hätte ich dicke Winterstiefel aus Fell an.

Das ist ja schlimmer als die Tiger, hilfe, bitte fresst mich!

(Halle, 22.02.2018, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt

 Ich liebe Dich  
 Es warst immer nur Du, 
 in jedem, den ich jemals geliebt,  
 ein Teil von Dir.   
 
 Wie Schleier von den Augen  
 fiel mir die Erkenntnis:   
 Das alles bist Du.  
 Warum nur dann  
 liebst Du mich nicht
 auf gebührende Weise?  
 
 Die vielen Stimmen in meinem Kopf,  
 schreien durcheinander:
 Das hast Du aber anders gelernt!  
 Meine Augen blicken in Deine,  
 endlich,
 so tief und unergründlich. 
  
 Ich lege den Spiegel weg und weine bitterlich. 
 Wie befreiend. 

  
   
(Halle, 16.09.2019) 

ŻEMOWICZ

Das Licht an meinem Fahrrad ist aus. Ja, okay, ich hab’s zuhause vergessen. Nichtsdestotrotz fahre ich durch die dunklen Straßen. Straßen, die in meinem Traum eigentlich mein Heimatdorf sein sollen, doch zu einer unbekannten Stadt werden. Dunkle Gassen, dunkle Erinnerung.

Plötzlich erscheint diese schmale Eingangstür vor mir, durch die ich nur schemenhafte Gestalten erkenne. So spät beziehungsweise früh noch was los? Meine Neugierde schickt mich hinein.

Noch vor ein paar Minuten ward ich im Dunkeln, jetzt ist Licht.

Es ist eine Art Bar, die aussieht wie eine heftige Hausparty am nächsten Morgen. Überall liegen junge Menschen – wenn nicht schon ganz am Boden – mit ihren Köpfen auf den Tischen, die Luft ist schwer von den Ausdünstungen der Feierwütigen.

Ist da nicht meine Mitbewohnerin? Hier treibt sie sich also immer rum. Ist aber auch sehr alternativ hier.

In Leuchtbuchstaben steht über dem großen Tisch in der Mitte „ŻEMOWICZ“ geschrieben. Aha. Ein polnisches Wort, was auch immer es bedeuten mag.

Langsam erwachen die ersten Partyzombies, ein DJ legt seine Platten auf und jemand sagt: „Wow, so krass ey, um elf Uhr früh schon so heftig geile Mukke, Alter.” Er fängt an, sich zu den elektronischen – sogar meiner Meinung nach guten – Klängen zu bewegen.

Den Rest der Party bekomme ich nicht mit. Ich verlasse den Raum und plötzlich ist das andere Zimmer, in das ich vorhin getreten war und das nach altem Wirtshaus-Stammtisch-Wohnzimmer ausgesehen hatte, pink und rosa und voller Kleinkinder und Babys.

Ich gehe einen Raum weiter (wie groß ist dieses rätselhafte ŻEMOWICZ eigentlich?) und sehe von weitem, wie durch einen Tunnel, meinen Freund. Puh, jetzt bin ich erleichtert. Wahrscheinlich hatten wir ausgemacht, dass jeder von sich aus die Stadt (das Dorf?) erkundet, und zufällig treffen wir uns hier wieder.

Durch’s Dunkle bin ich gewandert, durch alternative Zombiepartyhöhlen und über Mutter-Kind-Spielplätze.

Genug der Abenteuer, sage ich, und wache auf.

(Halle, 27.04.2016, zuerst auf Tumblr [lenkasletztertraum] veröffentlicht)

Manchmal, da

Manchmal, da
fühl' ich mich so 
verloren 
zerbrechlich 
zu sehr 

für diese steinharte Welt, 
für ein System, 
in dem ich - 
will ich sein, 
wer ich bin - 
kaum leben kann. 

Manchmal, da
frag ich mich, 
was ich hier eigentlich mache, 
wozu das alles. 

Hast Du Angst? 
Nein. 
Jeden Moment könnt ich gehen 
und bereute doch nichts:

So sehr geliebt, 
alles gefühlt, 
getanzt, gelacht, gestaunt. 
Ist das nicht Ziel genug? 

Das muss dieses Leben sein

Überwältigend:
Kopf bis Fuß vibriert,
eins mit dem Bass,
wir lösen uns auf,
spüren uns - endlich.

Schwitzende Körper
aneinanderreibend,
glücklich strahlend,
tauschen wir schüchtern
Blicke,
unser Herz voll und
in diesem Augenblick
unbeschwert.

Das muss dieses Leben sein.

Vielleicht waren
die Momente des Rauschs
nicht nur da,
um alles um uns herum
zu vergessen, nein -
um uns selbst zu vergessen.

Die Vögel singen uns gute, beste Nacht
und sich einen schönen Morgen zu.

(Halle, 08.05.22)

Gift

Warum habe ich so unglaubliche Angst davor, diese Geschichte zu beginnen? Mich hinzusetzen und loszuschreiben?

Der Gedanke daran lähmt meine Finger. Zweifel stehlen sich in meinen Kopf, vergiften mein Herz.

Wer bin ich schon, wer hat mir die Flausen in den Kopf gesetzt, ich könnte wirklich Schriftstellerin sein? Jeder schreibt heutzutage, so viel belanglose Worte sind auf dem Markt, Erfolg hat sowieso nur, wer sich schon einen Namen gemacht hat. Warum sollte gerade ich, Nachfahrin von Bauern aus dem tiefsten Niederbayern, schreiben? Die Stimmen wispern: Such Dir endlich eine vernünftige Arbeit, hör auf zu träumen, das sind nichts weiter als kindliche Phantastereien!

Das Problem ist: Auch wenn mich die Angst lähmt, weiß ich doch, dass ich es tun muss. Wenn ich es nicht versucht habe, werde ich nie in meinem Leben zufrieden sein, wird dieser Traum immer in meinem Hinterkopf bleiben, zusammen mit der Frage: Was wäre, wenn?

Hättest Du, wärst Du nur, könntest jetzt.

Und weil ich weiß, dass ich vor allem vor den Dingen am meisten Angst habe, die richtig für mich sind, weil sie am wichtigsten sind und ich deshalb absolut nicht versagen will, muss ich es irgendwie schaffen, die Angst zu überwinden. Habe ich bisher auch immer, aber so schwierig war es noch nie. Ich behaupte mal, dass ich viele Dinge in den letzten Jahren deshalb getan habe, um mich nicht mit dieser Angst auseinandersetzen zu müssen.

Es ist die Geschichte der Unterirdischen Seen, die unbedingt geschrieben werden will. Aber warum, was fasziniert mich so daran? Ist es die Tatsache, dass es sich dabei um etwas handelt, von dem sich alle Menschen erzählen, aber niemand genau weiß, ob es sie wirklich gibt? Denn alle, die sie gesehen haben, sind entweder nicht mehr zurückgekehrt oder haben nie wieder davon gesprochen. Wie etwas beschreiben, das von vollendeter Schönheit ist? Ist es die Stadt außen herum, die mich seit meinem Aufenthalt in ihr so fasziniert und die für mich die perfekte Metapher darstellt?

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich die bin, für die ich mich halte. Der Rest liegt nicht in meinen Händen.

(Halle, 01.05.22)