Grillen bezirpen das Nichts

Über meine Long Covid/ Post Covid-Erkrankung im neunten Monat

Gerade wollt ich was schreiben. Hab es geschafft, mich an den PC zu setzen, Schreibprogramm aufgemacht, leere Seite vor mir. Und sie bleibt leer, denn alle brillanten Sätze, die mir vorhin in den Kopf kamen, sind wie weggeblasen. Alles leer, weg, weiß, Wüste, in der nichts passiert, außer dass diese runden Dinger an mir vorbeifliegen, ein leiser Windhauch. Die Grillen bezirpen das Nichts.

Schlimm ist, immer wieder die Erwartungen zu enttäuschen. Treffen abzusagen. Mit Menschen, die ich gerne mag, oder die ich gerne mögen könnte, wenn wir die Bekanntschaft intensivierten. Aber das ist nur schwer möglich. Ich weiß nämlich nicht, wie es meinem Körper in einer Woche gehen wird, oder in einem Monat, oder in zwei Tagen. Einsamkeit vorprogrammiert.

Sehr schwierig für mich ist auch, überhaupt zu akzeptieren, dass ich diese Krankheit habe, die jetzt immer öfter in den Medien auftaucht. Dass ich Hilfe brauche, dass ich einfach nicht arbeiten kann. Warum ich (aber warum auch nicht ich, ne)?

Schlimm ist diese Unfähigkeit zu denken. Ich kann kaum einen zusammenhängenden Gedanken fassen, und es ist unglaublich harte Arbeit, mich gerade auf diesen Text zu konzentrieren. Danach muss ich mich vermutlich erstmal für 20-60 Minuten hinlegen und schlafen. Wobei „Schlaf“ euphemistisch ausgedrückt ist, es ist eher ein halbtotes Erstarrtsein, unfähig jeder Bewegung bei vollem Bewusstsein.

Schlimm ist aber auch dieses Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden, v.a. von Mediziner:innen, die mir doch eigentlich helfen sollten. So gut wie jeden Tag zweifle ich an mir selbst, komm mir komisch vor, alles Einbildung, Psyche, Faulheit? Besser wird es nicht durch den Konsum von Social Media, wo so viele Menschen die Zeit ihres Lebens zu haben scheinen, beruflich durchstarten, in Urlaub fahren, Sport machen, Partys feiern – oder hald einfach „normale“ Dinge tun.

Letzte Woche habe ich mich endlich mit einem anderen Post-Covid-Patienten connected. Von ihm habe ich wertvolle Ärzte-Tipps und einen Funken Zuversicht. Denn mit dieser Krankheit fühle ich mich meistens ziemlich allein. Nach acht (!!!) Monaten habe ich endlich die Diagnose ausgestellt bekommen, obwohl die Symptome von Anfang an eindeutig waren. Ein langwieriger (Fach-)Arztmarathon begann, denn Termine bekommt man da höchstens alle vier bis fünf Wochen, und das auch nur mit dem Vermerk „dringend!“. Ich war irgendwann sooo müde, wollte zu keinem Arzt mehr gehen. Warum auch, wenn dich keiner ernst nimmt bzw. niemand wirklich weiß, was tun? Ja, alle Werte stimmen, in der Lunge ist nichts zu sehen, und an manchen Tagen geht es mir relativ gut.

Das sind dann die Tage, an denen ich mir denke: Vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm, vielleicht ist vieles nur Einbildung? Bis ich dann wieder vor Atemnot auf halbem Weg stehen bleiben muss, bis mein ganzer Körper kribbelt und schmerzt, nur weil ich mich gerade aus Versehen zu schnell bewegt habe. Nur weil ich wieder mal zu wenig Pausen eingelegt, zu viel gedacht, gelesen, gelacht habe. Und selbst dann noch denke ich mir, dass das ja vielleicht daran liegt, dass ich so wenig Sport gemacht habe die letzten Monate, und das ja dann vielleicht nur Übungssache ist.

Wie soll ich da 40 Stunden arbeiten? Etwas, was ich mir die letzten Monate vorgemacht habe. Vielleicht, habe ich mir eingeredet (und wurde mir auch eingeredet, aber selbst schuld, wenn ich vor anderen oft so tue, als wär alles easy, nur um sie nicht zu belasten), wird alles gut, wenn ich erstmal wieder arbeite, wenn ich mehr zu tun habe, wenn ich wieder mehr unter Menschen bin. Ich muss doch mal wieder was tun, muss produktiv sein, muss mein eigenes Geld verdienen, meine Karriere starten, muss, muss, muss. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Fest steht, dass es mir schwer fällt, mich längere Zeit am Stück ( = fünf bis zehn Minuten) zu konzentrieren, dass ich unglaublich schnell ermüde, dass ich Schwierigkeiten habe, mit anderen Menschen zu reden, längere Sätze zu sprechen, dass schon der Arbeitsweg mich so ermüden würde, dass ich danach noch kaum etwas zustande bringe. Fest steht, dass ich mir endlich helfen lassen muss, aber es ist sooo anstrengend, so ermüdend…

Ich will wieder arbeiten, ich will so gerne an allen Veranstaltungen und Partys teilnehmen, ich will so gerne meinen Freundeskreis erweitern, Ausflüge unternehmen, ich will so gerne wieder denken können und Texte zu so vielen Themen schreiben, es gibt so viel zu sagen, aber es geht einfach nicht. Und das, obwohl es mein pures Vergnügen ist, mit dem Kopf zu arbeiten, ihn mir zu zerbrechen über gesellschaftliche, philosophische, theoretische Probleme. Wissenschaftliche Texte lesen, denken, neue Ideen, zusammenhängende Texte zu formulieren, das war bis vor kurzem mein Leben! Und ist nicht mehr möglich.

Je mehr ich erzwinge, desto müder werde ich, desto mehr tut alles weh, desto schlechter geht es mir im Nachhinein. Meine Tage durchzuplanen war vorher nie mein Ding, aber anders geht es nicht. Der Akku muss geladen, darf nie ganz leer sein. Vielleicht geht es mir gerade auch nur deshalb so „gut“, weil ich viel Zeit habe, mich zu schonen und ich relativ wenig Verantwortlichkeiten habe. Das ist mein Glück. Andererseits könnte genau jetzt der Ernst des Lebens beginnen und ich – ich hab keine Kraft dafür, bin zu müde, lass mal verschieben.

[Halle, 5.12.22]

Stille Wasser

Stille Wasser sind tief, tiefe Wasser sind still. Sagt man.

Je tiefer du tauchst, desto stiller wird es um dich und desto lauter wird es in dir, die Dunkelheit verschluckt alles und lässt es gleichzeitig zu; desto mehr schaurige Gestalten erscheinen, sie leben hier seit Jahrtausenden, unentdeckt von der Menschheit, ja selbst von mir.

Sicherer für alle ist es, an der Oberfläche zu segeln und nur dort zu tauchen, wohin die Sonnenstrahlen reichen. Was nicht von allein nach oben geschwemmt wird, sollte dort unten bleiben, für immer.

Aber können wir jemals Frieden empfinden, solange der Großteil in uns in absoluter Schwärze liegt, mysteriös und unzugänglich? Die Angst vor dem Unbekannten bleibt, die Neugierde auch.

Manchmal vergesse ich meine Tiefe, schwimme im Sonnenlicht, lasse mich von den über mich hinwegziehenden Stürmen mitnehmen. Manchmal bebt die Erde, eine Urgewalt rüttelt an meinen Grundfesten, meine Unruhe wirkt bis ans andere Ende der Welt.

Lange hatte ich zu viel Angst vor mir, planschte in ruhigeren Gewässern, sorglos vor mir selbst fliehend. Ein Sturm trieb mich zu mir, ich kenterte, die hohe See verschluckte, versenkte mich. Aber ich ertrank nicht, ich nahm mich an, meine dunkle, unerforschte Tiefe, begegnete Monstern, kämpfte, schwamm mit ihnen, bis wir das Interesse aneinander verloren.

Nun bin ich ruhiger, sehe Stürmen gelassener entgegen. Lasse ich mich weitertreiben? Oder mache ich mich jetzt, da ich die Gefahren einschätzen kann und mutiger bin, auf die Suche nach dem legendären Schatz?

Viele suchten ihn, viele versanken für immer in den Tiefen meines weiten Meeres; manche fanden ihn, ohne es mir sagen, ohne es mir zeigen zu können, denn entdecken muss ich ihn selbst.

Also: Abenteuer oder Sicherheit? Und wo beginne ich meine Suche?

[Halle, 27.11.22]

Aufschub

Der Teufel, das reine Böse, steht vor mir und hat mich auserkoren.

Er wird mich fressen, vernichten, töten, ich weiß es nicht genau, auf jeden Fall wird etwas Schlimmes geschehen. Hat er kurz zuvor eine Bekannte von mir aufgesaugt oder ist diese das Böse selbst? Ich appelliere an ihre Menschlichkeit, denn wenn sie da drin ist, ist ja noch ein Stück davon übrig, und mit dem kann man reden. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sage, aber ich argumentiere um mein Leben an einen Verstand, dessen Existenz ich mir lediglich erhoffe. Ich sei doch erst einen Tag hier, ganz frisch, das wäre doch unfair, die anderen seien schon mindestens drei Tage da.

„Da“ ist in einer Schule für kreative Menschen im fünften Stock. Vor dem fünften Stock hat man mich noch gewarnt, aber wie das immer so ist, befinde ich mich plötzlich genau dort. In einem großen Flur stehen Betten verteilt, auch Hochbetten, in einem davon verstecke ich mich. Das Ende des Flurs ist mit milchigem Papier verdeckt, hinter dem ich eine Gestalt erkenne. In jedem Bett liegt ein Mensch, was ich seltsam finde, weil doch eigentlich alle wissen, was hier im fünften Stock los ist. Aber vielleicht sind auch sie auf mysteriöse Weise einfach hier aufgetaucht.

In diesem Moment tritt der Teufel durch das Papier wie in einer Enthüllungsshow. Er, oder besser sie, denn ich vernehme eine weibliche Stimme und der Körperbau ist auch sehr weiblich: Brüste unter rotem Samt, lange, dünne Beine in rot-weiß-gestreiften Hosen. Es wirkt, als wäre dieses Wesen aus Flammen, eine gefährliche, angsteinflößende Willkür geht von ihm aus und die Wände sind plötzlich blau-rot-schwarz, die Muster bewegen sich. Der Teufel oder die Dämonin (es ist eigentlich geschlechtslos, das Böse ist nur in irgendeinen Körper geschlüpft oder hat sich bestimmte Geschlechtsmerkmale ausgesucht, das merke ich) springt von einem Bett zum nächsten, macht Spagat, ist unberechenbar in ihren Bewegungen. Sie riecht an den Menschen, bleckt die Zunge, streicht sich mit ihr über die Lippen. Sie hat Appetit.

Ich mache mich so klein wie möglich, habe so viel Angst wie noch nie. Sie scheint auf niemanden dort unten Lust zu haben und kommt immer näher. Plötzlich befinde ich mich nicht mehr in meinem vermeintlich sicheren Hochbett, sondern offen sichtbar in der Laufrichtung der Dämonin. Vor mir liegt eine Frau, die mich mit angsterfülltem Blick ansieht, ich kann ihr aber nur mit einem verzweifelten Blick und Schulterzucken (ich weiß ja auch nicht, was tun) antworten. Die Dämonin bleibt interessiert vor ihr stehen. Ich hoffe, sie entscheidet sich für sie, gleichzeitig wünsche ich es ihr auch nicht, für niemanden. Aber lieber doch die fremde Andere als ich selbst, oder?

Da sehe ich, wie die Frau vor mir dem Teufel zuflüstert, er solle doch mich nehmen, ich sei aus Bayern und bestimmt sehr schmackhaft, Frischfleisch noch dazu. Sie blickt mich mit um Verzeihung bittenden Augen an und ich kann sie verstehen – jeder kämpft am Ende für sich selbst.

Der Teufel, dieses Gemisch aus rot-blauen Flammen, binären Codes (wie bei Matrix, nur in rot-blau) und purem Bösem, wendet sich mir zu, mich neugierig von oben bis unten prüfend. Sie grinst und ich weiß, sie hat sich für mich entschieden.

Das war’s dann, oder?

Da erkenne ich in ihr eine alte Kommilitonin, und ich appelliere an diese, mich freizulassen. Noch ein bisschen Zeit, bitte, es darf doch noch nicht aus sein, das wäre nicht gerecht.

Gerecht, lacht sie, und wie ein Zombie-Chor fallen die anderen Menschen in ihr Lachen ein.

– Guter Witz! Erstens ist Gerechtigkeit nicht mein Ding und zweitens schon gar nicht von euch zu entscheiden. Was gerecht ist oder nicht, wird an anderer Stelle bestimmt, undurchsichtig für euereins.

– Aber dann erinnere dich doch an die guten Zeiten, meine liebe alte Freundin, die wir miteinander hatten! Wir hatten doch so viel Spaß?!

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welches Argument sie am Ende überzeugt hat, ich habe vergessen, was ich alles gesagt habe, und kann damit leider kein Rezept zur Dämonenvertreibung verraten. Etwas stimmte sie jedoch um, und mich angrinsend wurde sie langsam kleiner und durchsichtiger, bis sie ganz verschwand und mit ihr auch die verrückten Wände und die Angst im Raum.

Ungläubig schauen mich die anderen an, klettern aus ihren Betten und verschwinden. Richtig, nichts wie weg hier. Ich verlasse das fünfte Stockwerk über ein Fenster, steige Griff um Griff nach unten. Normalerweise hätte ich damit ein Problem, weil Höhenangst, aber ich bin noch voller Adrenalin, es gelingt mir sogar, graziös dieses Hindernis zu meistern. Dabei filmt mich eine ehemalige Mitschülerin, die Regie studiert hat. Neben mir bemerke ich einen riesigen Wandteppich. (Wahnsinn, was ich alles im Traum sehen kann, oder? Mein Ich in der Traumwelt ist überall zeitgleich, wissend und sehend multiperspektivisch.)

Unten angekommen gehe ich zunächst noch festen Schrittes in eine unbestimmte Richtung, mir der Blicke der anderen bewusst. Da sehe ich meine Mama und Oma auf einer Bank am Rand sitzen und laufe zu ihnen. Als mich meine Mama fragt, ob „es“ sehr schlimm war (sie weiß nicht, was genau, nur, dass ich im verrufenen fünften Stock war, und vermutlich steht mir wie immer alles ins Gesicht geschrieben). Da breche ich so heftig in Tränen aus, lasse mich auf ihrer beiden Schoß fallen und kann mich nicht mehr beruhigen.

Die Tränen fließen über meine Wangen und kitzeln mich zurück in die sogenannte Wirklichkeit. Weinend wache ich auf. Ein paar Tage hat mir die Dämonin noch gegeben – nur was sind Traumtage in Realitätstagen?

[Halle, 06.11.22]

Gib mir

Gib mir
5 000 Küsse,
schick mir
10 000 Herzen am Tag,
sag mir,
wie sehr Du mich liebst.
Ich will ich will ich will,
sagt mein Kopf
aus Angst, nicht geliebt zu werden -
allein wollen ist nicht lieben.

Denn eigentlich ist
alles, was mich glücklich macht:
Dich zu lieben, Dich zu kennen,
Dich zu sehen und zu hören,
Dein Lachen,
Deine Weisheit,
Deine Güte, Dein Herz.

So dankbar bin ich,
dass es Dich gibt,
überhaupt und in meinem Leben,
wir uns getroffen haben,
Du auf mich zukommst,
wenn ich sauer, traurig, sonst was, bin;
Du so wunderbar kochst,
Dich kümmerst, grenzenlos.

Manchmal, wenn ich
müde oder hungrig und
nicht ich selbst bin,
vergess' ich das alles,
doch Du lachst, denn Du kennst mich und
weißt auch, ich schenkte Dir die Welt,
wenn ich könnt…

[Essenbach, 28.10.22]

Ozeantage

Meine Familie, mein Freund und ich sitzen am Rand eines riesigen Beckens. Über dem Wasser ist ein Netz gespannt, in dessen Mitte ein großes Loch. Darunter, im Wasser, wimmelt es nur so an Tieren, und zuerst erkenne ich nicht, was es ist, doch dann sehe ich: Es sind tausende von Kraken in allen Farben und Größen. Abertausende Arme und Saugnäpfe. Bei diesem Anblick überkommt mich dieses seltsame Gefühl wie immer, wenn ich am Rand eines Abhangs stehe und mir ganz tief drin schwindelig und kalt zugleich wird. Mein Herz hört auf zu schlagen und schlägt zu laut – ist das der Tod, der seine Hand um mein Herz legt?

In der nächsten Szene schwinge ich plötzlich an einer der langen Lianen über dem Becken von einer Seite zur anderen. Muss ich jemandem beweisen, wie cool und furchtlos ich bin? Ach Lena. Die Lianen sind sehr elastisch, es macht beinahe Spaß. Beinahe, wären da nicht die falschen Lianen aus getrockneten Kraken: Wer sich aus Versehen an sie klammert, stürzt unweigerlich ins Becken und wird gefressen; wer Glück hat, landet auf dem Netz, das immer noch nah genug an Oktopussaugnäpfen und -schnäbeln ist. Oder wäre da nicht die Gefahr, über dem Becken hängen zu bleiben, weil man den Absprung verpasst und die Liane keinen Schwung mehr hat.

Tatsächlich bin ich aber richtig gut darin; von einer Liane zur nächsten hüpfe ich und winke ich den anderen zu. Ich glaube, es funktioniert: Ein bisschen haben sie Angst um mich, aber hauptsächlich finden sie mich richtig cool und sind stolz auf mich. Warum ist mir das immer wieder so unglaublich wichtig?

Jetzt reicht es mir und ich schwinge eine lange Liane so, dass ich wieder lässig auf der Tribüne neben meinem Freund lande. Von Kraken habe ich genug gesehen, lasst uns zu den Walen gehen.

Es sind „Ozeantage“ in meiner Stadt.

[Halle, 14.10.2022]

Luftleeres Nichts

Wieder zu viele Bilder gesehen.
Diese Welt, in der alles so schön erscheint,
die nicht ist, nur in Deiner Vorstellung,
tausendfach Eindruck und Erinnerung;
sie ist nicht, was ist,
ist jetzt, hier, atmen,
das kalte Zimmer, Müdigkeit, Langeweile, Angst, der Geschmack von Marzipankugeln im Mund.

Meine Unsicherheit gegenüber anderen,
die vermeintlich keine Zweifel haben,
voll bei sich und in ihrem Element,
ganz sie selbst sind;
ich beneide diese Leute,
fühl mich klein vor ihnen,
werde zu meinem eigenen Schatten,
nicht ich selbst;
wer will schon mit einem Schatten befreundet sein,
hat ja jeder schon seinen eigenen.

Wie kann ich ich sein,
wenn mir der Raum dazu fehlt,
mich selbst zu verwirklichen,
wenn ich nicht weiß,
wo dieser Raum ist;
ich boxe in das luftleere Nichts,
das meine Schreie verschluckt.

Ich bewundere die Menschen,
denen ich ein gesundes Selbstwertgefühl andichte,
die schön sind und attraktiv und cool,
weil sie wissen, wer sie sind
und zu ihren Eigenheiten stehen;
manchmal kann ich das auch,
manchmal vergleiche ich mich noch zu oft,
manchmal lebe ich zu sehr in der Vergangenheit;
Ausgrenzung ist der Tod des Selbstwerts,
(damals war es wirklich unser Tod).

Meine Zeit kommt noch,
sagt meine Liebe und
die Stimme während der Meditation,
und wenn sie kommt, dann richtig.
Jeder lebt in seiner eigenen Zeitspur,
es gibt kein Muster und kein
Wahr oder Falsch,
keinen Zeitplan, der erfüllt werden muss.

Es gibt nur dich, jetzt, atmen,
mehr weißt du nicht und musst du nicht,
Freiheit ist, nicht zu wissen, was kommt, und dann:
Alles ist möglich.

(Halle, 10.10.2022)

Genug ist genug

Ein paar Menschen stehen auf dem Platz, wo die heutige Demo startet. Sie blicken erwartungsvoll in Richtung des LKWs, von wo aus engagierte Mitbürger Reden halten, rappen, Musik abspielen. Von letzterer bin ich heute nicht angetan, „Tekke“ ist mir einfach zu langweilig, ohne Aussage und nicht zu dieser Veranstaltung passend, aber hej. Hauptsache es gibt überhaupt Menschen, die das organisieren, sich vorne hinstellen und helfen.

Da stehen also wir paar Hanseln, die einen vom Gewerkschaftsbund, die anderen von verdi, wieder andere von Fridays for Future, noch ein paar andere vereinzelte, verlorene Gestalten und ich. Dafür, dass das Thema wirklich ALLE angeht, sind wir einfach zu wenig.

Die soziale Ungerechtigkeit hat sich in den letzten Jahren auch durch die Pandemie und den Krieg noch verstärkt. Die Reichsten der Reichen haben ihr Vermögen verdoppelt und verdreifacht, während wir dafür einen hohen Preis zahlen müssen und viele nicht wissen, wie sie über den Winter kommen sollen. Diese Ungewissheit macht Angst, und die Panikmache in den Medien hilft kein bisschen. Jeden Tag lesen und hören wir von Ländern, in denen Krieg herrscht, wo Terroranschläge und Naturkatastrophen an der Tagesordnung sind oder Menschen blutig für ihren Kampf um grundlegende Menschenrechte bezahlen müssen. Alles um uns ist so laut und dann kommt noch die innere Stimme hinzu, die bei all den Nachrichten und Ängsten und Unsicherheiten einfach nur noch schreit.

Genau wegen dieser Angst gehe ich auf die Straße, weil es gut tut zu sehen, dass diese Situation andere ebenso besorgt, und auch, weil es fast noch besser ist, die Worte anderer zu hören und zum Kollektiv zu verschmelzen, das sich gegen die Ungerechtigkeit stemmt und Solidarität fordert. Neben mir sagt eine ältere Frau zu einem Papa mit Kind auf dem Fahrrad, dass sie genau wie er mit ihrem Ältesten auf dem Fahrrad damals im Herbst 1989 auf die Straße gegangen ist. Ihr „Ältester“ geht neben ihr, nickt und lächelt seinen Sohn an. Drei Generationen. Geschichte prallt aufeinander, und wir können die Situation zwar nicht vergleichen, aber auch heute stecken sich die oberen paar Tausend das Geld in die Tasche und lassen den Rest dafür bezahlen.

Immer wieder mache ich mir bewusst, dass ich eigentlich nicht viel weiß. Ich weiß nicht, ob das alles wirklich so schlimm wird, wie alle sagen, ich weiß nicht, was genau die Politiker und Reichsten tun, ich lese Artikel und weiß nicht, was sie mir vorenthalten oder verschweigen. Was sie wahrscheinlich selbst gar nicht wissen. Ich weiß nur, ich habe ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und zu trinken und im allerschlimmsten Notfall würden mir meine Eltern helfen. Also weiß ich auch, dass es mir schon mal besser als den meisten Menschen dieser Erde geht, und dafür bin ich dankbar. Ich weiß aber auch, dass es immer mehr gibt, die psychisch erkranken, die unglücklich sind, die die Schieflage spüren, die die Sinnlosigkeit ihrer Jobs verzweifeln lässt, und die merken, dass die Erzählungen, mit denen wir aufgewachsen sind, nicht mehr gelten.

Wir können nicht mehr so weitermachen wie unsere Eltern.

Es kann nicht mehr das Ziel eines jeden Menschen sein, (Klein-)Familie zu gründen, Haus zu bauen, zwei Autos davor stehen zu haben. Nur für sich zu leben. Wir müssen wieder zu einem Kollektiv werden, das zusammen gegen die Ungerechtigkeit, gegen die stärker werdende soziale Schieflage kämpft, das sich nicht mehr alles bieten lässt. Der angepriesene Individualismus der letzten Jahrzehnte wird dem noch ein wenig entgegenstehen, aber bald werden es auch die letzten kapieren:

Es geht uns nur dann wirklich gut, wenn es allen gut geht.

Dabei dürfen wir nicht auf die Demagogen und Populisten hereinfallen, die mit dem Finger nach unten zeigen, die uns noch mehr spalten wollen, weil sie so ihre Macht vergrößern. Das nutzt niemandem, nur ihnen. Diese Spaltung nutzt vor allem auch jenen dort oben, die sich amüsiert ins Fäustchen lachen, wenn wir uns gegenseitig bekämpfen, anstatt uns gegen sie zu verbünden.

Wenn wir uns dann solidarisch vereinen, kann es diese Solidarität nur international, über alle Grenzen hinweg geben. Sie kann nur zusammen mit denjenigen existieren, die bisher für unseren Wohlstand gelitten haben und leiden. Ja, unser Konsum muss sich grundlegend ändern und auch die Einstellung, jederzeit alles haben zu können. Das merken wir eh schon seit der Pandemie. Der allzeit parate Überfluss, in dem wir die letzten Jahrzehnte gelebt haben, ist Geschichte (bzw. muss Geschichte werden).

Nochmal zu der Demo heute: Es ist schade, dass so wenig Menschen da waren. Ich kann zwar verstehen, dass es sich viele lieber auf der Couch gemütlich machen, ihren Kater vom vielen Feiern auskurieren (sich von der aktuellen Situation abzulenken ist auch eine Möglichkeit, mit ihr umzugehen) oder sich sonstwie eine schöne Zeit machen. Viele aber denken bestimmt auch, was es denn nützt, auf die Straße zu gehen – „die machen ja eh, was sie wollen“. Ich glaube, wenn das jeder denken und es keine Demos mehr geben würde, dann würde sich auch wirklich nichts ändern. Aber in der Geschichte haben wir gesehen, dass Demos etwas bewegen können.

Wir sind mehr und wir sind wütend und wir haben es satt. Wir wollen eine gerechtere Welt und dafür stehen wir auf, schreien es hinaus. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir etwas verändern können, wir, die wir Gerechtigkeit für alle wollen. Die da oben haben genug von allem, und wir haben genug von ihrem BS.

Also ab auf die Straße mit uns, Fäuste in die Luft und Lärm machen! Genug ist genug!

Poesie

Poetisch ist jedes Kunstwerk, das mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele entstand und daher authentisch ist. Dieses Herz, diese Seele des Künstlers ist des Kunstwerks Essenz, die mich berührt, bewegt, inspiriert.

Poesie ist die Übertragung des Urmenschlichen, ist die Schönheit des Augenblicks, ist die Liebe, die sich in jedem Moment, in der Natur, zwischen Menschen offenbart.

Kunst ist das Medium, also das, was zwischen zwei Menschen steht und vermittelt. Sie überträgt das Innerste des Künstlers über sein Werk auf den Betrachter, Leser.

Poesie ist die Verbindung, die immer währt, die die Kunst aber oft erst offenlegt.


Die Poesie ist die Aufhebung der Beschränkungen des Lebens.

Franz Grillparzer

Stille ist der Schlüssel zur Poesie.

Klaus Ender

Echte Poesie kann kommunizieren, bevor sie verstanden wird. Der Sinn wird zuerst von der Seele, dann vom Verstand erfasst.

George Eliot

Theorie zu dem Workshop „Poetisch Schreiben“, den ich gerade entwickele (s. Seite). Darin soll es u.a. um Achtsamkeit gehen, um Bewusstsein, um die Verbindung zu sich selbst. Es geht mir nicht nur um schöne Texte. Es geht mir v.a. darum, dass wir uns mit unserem Urmenschlichen verbinden, also mit dem, was uns menschlich macht, und darüber auch das Menschsein anderer erkennen. Hochspannend, welche Texte dabei entstehen. Was ist Euer Verständnis von „Poesie“? Wann ist etwas für Euch „poetisch“?