Zu Besuch

Langsam nähere ich mich diesem wunderschönen, blauen Planeten, nur selten habe ich etwas Vergleichbares gesehen. Vorsichtshalber lege ich die Tarnhaut um, wer weiß, wie die Bewohner des Planeten sonst auf mich, den Reisenden aus dem Weltall, reagieren. Ich lande inmitten einer dieser Siedlungen, die nichts Lebendiges an sich haben und nur aus Mauern bestehen, unterbrochen von eckigen, durchsichtigen Augen, durch die man in die Bauten hinein- und vermutlich auch hinausschauen kann. Das einzig Lebendige in den Straßen sind die Lebewesen auf zwei Beinen. Eines davon mit längeren Haaren strebt sehr schnell, ohne auf ihre Außenwelt zu achten, einem Ziel zu, das nur es selbst zu kennen scheint. In einer kleinen Gruppe schlendern Miniaturen dieses ersten Lebewesens die Mauern entlang, ihre Mundwinkel nach oben ziehend, Laute von sich gebend, während sie gleichzeitig auf kleine Tafeln in ihren Händen schauen und mit den Daumen darauf tippen oder von unten nach oben und von oben nach unten wischen. Ein merkwürdiger Ort. Fast werde ich von einem der Lebewesen, das von einem vierbeinigen, felligen und hechelnden Etwas an der Leine gezogen wird, in die Mitte dieses Wegs geschubst, wo mich ebenso knapp ein Gefährt auf vier Reifen überfährt, welches hinten ekelhaft stinkende Gase von sich gibt. Ein furchtbarer Ort. Eine Tatsache ist jedoch interessant, denn diese Wesen scheinen sich wie wir auf unserem Planeten von Elektronen zu ernähren. Die ganze Welt ist überzogen von diesen Wellen, sie schicken sie bis ins Weltall und wieder zurück, sie gehen von den kleinen und großen Tafeln aus und wieder zurück, es ist überzogen mit diesem Netz aus Elektronen. Anders als bei uns jedoch scheinen diese Signale mitzusenden: Es muss sich um deren Kommunikation handeln, die gleichzeitig zum Essen dient. Ich bediene mich ausreichend, speise mal von jener Welle, dann von der anderen, und nehme gleichzeitig all die Zeichen auf, die mitgesendet werden. Nach einer halben Stunde schon bin ich so satt wie selten – wenigstens verhungere ich hier nicht. Übervoll von fremden Sprachen, die so seltsam wie schön sind, und von denen Liebe, Hass, Traurigkeit, Wut, Einsamkeit ausgehen, all das wirkt in meinem Magen nach. Mir wird übel. Es ist das Paradies für Schleckermäuler, ich sollte eine Empfehlung schreiben.

Um mich abzulenken, beobachte ich eines dieser Lebewesen genauer. Es ist dunkel, die meisten von ihnen ziehen sich in ihre selbstgebauten Höhlen zurück. Sie setzen sich vor eine größere Tafel, die an der Wand hängt, und auf der bunte Bilder schnell nacheinander abfolgen. Gleichzeitig sehen sie auf ihre kleinen Tafeln in ihren Händen, ihr Blick wirkt ausdruckslos, leer. Irgendwann gehen sie in einen Nebenraum, wo sie sich für die nächsten Stunden flach hinlegen, die Augen geschlossen, die Körperfunktionen heruntergefahren. Ich nutze diese Zeit, um mich selbst wieder etwas aufzuladen, und stecke meinen Finger in eines dieser Löcher, aus denen lebenserhaltender Saft strömt. Mein Interesse ist groß für diese Tafeln, die anscheinend lebenswichtig für die Wesen dieses Planeten sind. Ich verbinde mich mit dem des von mir beobachteten Wesens.

Und plötzlich tut sich eine neue Welt auf. Auch, wenn ich von deren Sprachen nichts verstehe, verstehe ich doch, dass sie hier ihren Planeten abgebildet haben, in all seinen Facetten, (Un-)Tiefen, Farben, seiner Vielfalt, seinem Reichtum und seiner Armut. Alle Sprachen, die ich auf dem Planeten von den Lebendigen gehört habe, werden hier zu einer systematischen Reihenfolge – es muss deren Universalsprache sein – mit der sie alles kommunizieren, ob Töne, bewegte und unbewegte Bilder, Zeichen. Alles wird zu zwei kleinen Zeichen, 0 und 1, alles wird eins. Was für ein seltsamer Ort. Sie haben den Planeten in seiner Vielfalt in dem kleinen, künstlichen Rechteck, einem Fenster zur großen, weiten Welt, während sie gleichzeitig in ihren kleinen Höhlen langsam vereinsamen.

Manchmal gesellt sich noch ein weiteres Lebewesen dazu, unter Schreien und augenscheinlichen Schmerzen reproduzieren sie sich, und nach einigen Monaten werden in noch schmerzhafterem Prozess Miniaturlebewesen aus dem Unterleib gepresst – ihr Dasein beginnt mit Schmerz und Blut.

Bild einer Reise

Seelen, die in Booten auf einem riesigen Ozean schwimmen, jahrelang auf Reisen, alle auf der Suche nach etwas, doch die meisten wissen nicht, nach was. Es ist die andere Seite, die „Neue Welt“, das rettende andere Ufer. Die meisten beseelten Schiffe landen am Ende ihrer Reise am Ausgangspunkt, dem Hafen, an dem die Seele nach ihrer Wanderung, ihrem lebenslangen Lernen, in ein anderes, unverbrauchtes, neues Boot umsteigt. Auf jeder Seefahrt lernt die Seele hinzu, mit dem anderen Ufer als Ziel.

Der Erfolg dieses Vorhabens hängt auch von der materiellen Beschaffenheit ihrer Boote ab: Ist es zu schwach, hat es zu viele Lecks, zu dünnes Holz, keine gute Innenausstattung, schafft es den beschwerlichen Weg nicht. Viele Boote wissen nicht, dass sie eigentlich Boote sind, schwimmend auf einem riesigen, unbekannten Gewässer, mit allerlei Strömungen, Hindernissen, Stürmen; sie wissen nicht, wonach sie eigentlich auf der Suche sind, sie lassen sich treiben, verfehlen den Weg, oder befinden sich durch falsch gesteckte Ziele auf Irrwegen, die sie doch nur im Kreis führen.

Allein es gibt auch diejenigen, die auf den eigentlichen Kapitän ihres Fortbewegungsmittels, ihre Seele, hören. Sie hören darauf, was sie auf ihren letzten Reisen gelernt hat, sie füttern sie mit der für sie wichtigen Nahrung, sie tun alles für ihre Weiterbildung, durch die sie es – wenn nicht mit dem jetzigen – so wenigstens mit dem nächsten Boot auf die andere Seite schafft und ihre ewige Ruhe findet.

Zu viel Ablenkung bringt vom Weg ab; sie beraubt die Kapitäne ihrer Kraft und Konzentration, die sie für den anstrengenden Weg so sehr benötigen. Strömungen sind es, denen sie sich zeitweise überlassen müssen, das Vertrauen in die Kräfte und das Wissen der Natur. Und zweifelsohne die Hilfe erfahrener Kapitäne, die, wenn man Glück hat, ihre Kenntnis des Weges teilen, sei es durch eine gemeinsame Fahrt, auf der sich die Schiffe gegenseitig unterstützen, oder sei es durch verschriftlichte Erfahrungen erfolgreicher Wegsuchender.

Erfahrungen werden zu Erinnerungen. Sie sind die Wegweiser, sie sind die Karten und Kompasse auf dem Weg zum anderen Ufer. Das Gedächtnis der Seelen ist die Literatur, die Kunst, alle Formen von Kommunikation, über die etwas festgehalten werden kann. Das Festhalten ist nötig, da die Seelen beim Verlassen des einen und beim Beziehen eines neuen Körpers die Informationen nicht übertragen können beziehungsweise sie nicht automatisch mit all ihrem Wissen des letzten Lebens im neuen Körper so weiterleben können. Man muss sich das so vorstellen, als würde die Seele, der Kapitän an Deck, ein Leben dafür schuften, neue Orte kennenzulernen, das Boot zum Schiff auszubauen, den Weg zu finden. Wenn es dies nicht schafft, so kehrt es zum Heimathafen zurück, verlässt das alte Schiff und findet sich ein neues, eine Nussschale, die es erst auszubauen gilt. Das ganze Wissen, das der Kapitän auf seiner letzten Reise erworben hat, nützt ihm wenig in einer Nussschale wie dieser. Aus diesem Grund hinterlässt er, sofern er Wichtiges gelernt hat, dies in schriftlicher oder anderer Form für die Nachwelt. Seine Erlebnisse werden zum Teil zu Erfahrungen, an die er sich im neuen Boot – unter den passenden Umständen – langsam wieder erinnert oder erinnert wird.