Umwälzung

Die Getrenntheit der Menschen ist das Problem unserer Zeit.

Individualismus zerstört, wer hat uns diesen eingeredet? Der Mensch dreht sich um sich selbst, ist sich selbst der Nächste.

Jeder Mensch ist Teil eines größeren Ganzen, als der er auch etwas bewegen kann. Doch diese Erkenntnis ist uns verlustig gegangen, und in diesen Pandemie-Lockdown-Zeiten merken wir, wohin uns dieser Individualismus führt.

„Revolution“ bedeutet „Umwälzung“: Unten nach Oben, Oben nach Unten. Die große, dunkle Masse, die Vielen, kommt ans Tageslicht, wird nach oben gekehrt, die dünne Schicht obenauf, die Wenigen, nach unten, alles wird Eins.

Die Menschen sind taub, lethargisch, gleichgültig, die Welt ist ihnen zu schnell und groß geworden, etwas, das sie mit ihren Körpern, die sich seit Jahrtausenden nicht wirklich verändert haben, nicht verstehen. Sie reagieren mit Angst — ganz natürlich — auf den unsichtbaren Feind im Gebüsch. Sie erzählen sich Geschichten, um das Unfassbare greifbarer zu machen, um die Angst in bestimmte, geregelte Bahnen zu lenken. Geschichten wie Leitplanken, an denen sie sich orientieren können, aber aufgrund dieser sie auch den vorgezeichneten Wegen folgen.

Es gibt diesen Ausweg, doch er ist schmerzhaft, mit großen Verlusten verbunden, und er beinhaltet den größten Gegner, den man sich vorstellen kann: sich Selbst.

Biene, stich

Elefanten trampeln über mein Herz, woher kommen sie?

Ich spucke eine Biene aus, los los, opfere dein Leben für meines, zerstich’ den tonnenschweren Elefanten aus Luft!

Meine Zungenspitze ist taub, kein Summen weit und breit.

Gedankenfetzen liegen zerstreut auf dem Boden meiner Wirklichkeiten, durchtränken ihn, ertränken mich.

Hellwach lieg’ ich da, voll Freude und Trauer zugleich.

schleierbehaftet

Als hinge den ganzen Tag ein Schleier vor meinen Augen, aber auch über meinem Gehirn. Ich kann nicht denken, nicht atmen, kriege keine Luft. Könnte die ganze Zeit weinen, kann nicht mehr lachen, ersticke.

Hab das Gefühl, ich übertreibe, und gleichzeitig ist alles so untertrieben.

Abenteuer erlebe ich in meinen Träumen, wenigstens da geschieht viel. Doch sind sie nie zu greifen. Vielleicht muss ich das wieder üben, vielleicht wollen sie nicht ergriffen werden. Vielleicht verraten sie zu viel.

(Halle, 28.03.2019)

ping-pong

Alleine, das waren nur die Seltsamen, die Außenseiter, mit denen sowieso keiner zu tun haben will. Die irgendwann mit sich selbst zu reden begannen, weil sie erstens so verrückt waren und zweitens niemanden zum reden hatten. Ein Ping-Pong-Ball, von einer Seite auf die andere geschlagen.

Die, die gerne alleine waren, die damit eigentlich kein Problem hatten, sahen sich durch die Brille der Gesellschaft bald selber wie diese sie; sie wollten nicht mit der Menge gehen, aber sie wollten auch nicht einsam sein, das war etwas völlig anderes. Wenn sie aber versuchten, ein wenig mehr in der Menge mitzumarschieren, sich Menschen anzuschließen allein für das Gefühl, nicht allein zuhause zu sitzen, verpönt war das, obwohl sie das doch gerade am liebsten tun würden, fühlten sie sich danach einsamer als zuvor. Ping-pong, ping-pong.

Ein Dorn im Auge der Tribune waren auch jene Menschen, die andere um sich sammelten, weil diese die Wahrheit ihrer Herzen verspürten und sich genau nach jener sehnten. Diese sprachen von der Wichtigkeit, sich selbst zu lieben, und richteten sich in ihren Reden oft auch gegen die Tribune. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder beginnt, sich selbst zu lieben, und zwar nicht im egoistischen Sinne, nein, das war ja zu befürworten, aber im friedlichen Hippie-Sinne, der alle Waffen, Geldscheine und Erzählungen ruhen ließ und nicht mehr zu manipulieren war? Ein Graus, da wurde den Tribunen schlecht.

Zum Glück war der Großteil der Bewohner leichter verführbar, und selbst wenn eine Blase platzte, befanden sie sich doch in einer weitaus größeren, an die nur eine sehr, sehr große Nadel herankam, die die meisten der Bewohner mittragen müssten. Zum Glück.

freiwilliges Ausziehen

Das menschliche Bedürfnis zu erzählen ist grenzenlos. Und dieses Bedürfnis nutzten die Tribune aus. Sie hatten aus jenen Zeiten gelernt, als ihre Vorgänger mit der Überwachung zu offensichtlich umgegangen waren und jeden kleinsten Verstoß bestraft hatten. In die Erzählungen gingen jene ihrer Vorgänger ein, die besonders gewaltsam entweder mit all ihren Bewohnern oder nur mit bestimmten Gruppen umgegangen waren.

Die Tribune wussten, dass jene Vorgänger sich getäuscht hatten. Nicht einige wenige Bewohner waren das zu lösende Problem, alle waren es. Alle diese armen, ameisengleichen, willenlosen und ekligen Gestalten, ja, es war am einfachsten — und saubersten — einfach sie alle zu überwachen. Aber nicht nur das. Sie hatten es in jahrzehntelanger Arbeit geschafft, die Bewohner zu gleichgültigen Gestalten zu verwandeln, ohne dass sie es selbst bemerkten. Freilich, manche wehrten sich anfangs noch. Das unbekannte Neue macht nun mal Angst.

Doch selbst die, die ihre Mitmenschen am lautesten warnten, verstummten mit der Zeit, denn wenn der Mensch eines liebt, dann ist es ein Werkzeug, das seinen Arm verlängert und sein Leben vereinfacht. Sie hatten es sogar geschafft, dass die Bewohner selbst den Tribunen so viele Informationen wie möglich über sich gaben! Oh, diese Menschenaffen, ein einziger glitzernder Stock reicht aus und sie sind stumm stundenlang.

Wie brachten sie die Bewohner dazu, sich nackig zu machen und alles bis zum kleinsten Detail ihrer Gesundheit und ihres Körpers herzugeben? Sie verkauften es als Vorteil für jeden Menschen, als Erleichterung des Alltags, als „cool“. Sie zwangen alle Firmen der Stadt mitzumachen, und wer nicht mitmachte, galt bald als verdächtig oder war raus aus dem Spiel, ausser Gefecht gesetzt durch fehlenden Fortschrittswillen, durch die eigene Sturköpfigkeit.

Wer bitte will nicht fortschrittlich sein? Wer nicht mit der Masse mitgeht, bleibt irgendwann allein zurück. Und wer will bitte alleine sein? Sie verkauften den Menschen das Alleinsein als Teufel und den Fortschritt als Gott.

sie weigert sich

Warum sie aneckt: Sie weigert sich, auch nur ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie weigert sich, sich bescheiden auszudrücken, zu beschwichtigen. Sie weigert sich, auch nur einen Strahl ihres Selbst zu dimmen, um die Menschen, die doch ihr Licht suchen, weniger zu blenden.

Sie weigert sich zu sagen: Oh, das schreibe ich lieber nicht so, das geziemt sich nicht als Frau. Oh, lieber passe ich mich an, bin eine dieser Frauen mit weichen, kuscheligen Kurven, eine Liebeskugeln mit Löchern, die kann niemanden stören.

Sie weigert sich, nur einen ihrer Gedanken zu verstecken, aus Angst vor der Reaktion der Leute, aus Angst, Gefühle zu verletzen und gegen gegenwärtige Moralvorstellungen zu verstoßen. (Dabei, wie wir schon seit Friedrich wissen, befinden wir uns immer jenseits dieser, solange wir aus Liebe handeln. Oder mit Dopewalka gesprochen: Was interessiert mich die Moral, solang‘ die Liebe sich von selbst versteht. Das nur nebenbei.)

Nun, da ist also diese Frau, die sich erdreistet, in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Die sich erdreistet, das anzuziehen, was ihr gefällt, die sich andere Umgangsformen wünscht, die einfach eine ganz außergewöhnliche Figur darstellt. Sie polarisiert, und niemand weiß mehr damit umzugehen, wenn ein Mensch — und noch dazu eine Frau — derart geradlinig, selbstbewusst und anspruchsvoll ist.

Das ist sie auch in ihren Texten. Sie schreibt selbstvergessen und hochgradig aufrichtig, eine Bedingung für herausragende Literatur – und die ist in diesem unüberschaubaren Haufen an gedruckten Büchern und Autor(innen) selten.

Ja wie, sie will uns die Welt erklären, wie soll das denn gehen? Ein so junger Mensch, der hat doch noch nichts vom Leben gesehen. Sie gebärdet sich, als wär‘ sie ihre Großmutter, als hätte auch sie mindestens achtzig Jahre auf dem gekrümmten Buckel.

Muss man denn erst alt sein um zu wissen? Wissen nicht manche Kinder dieser Welt schon mehr vom Leben, haben mehr gesehen als die meisten Intellektuellen und Literaten hier im Land? Sind es denn die Jungen, die unsere Zukunft gefährden, weil sie der Glanz des Goldes mehr interessiert als das Glitzern der Sonne auf dem steigenden Meeresspiegel?

(Gedanken zu einer öffentlichen Person, über die gerade viel diskutiert wird. Die Zeilen über ihr Buch habe ich nach dem Lesen der ersten paar Seiten verfasst; nach fortgesetzter Lektüre würde ich dem nicht mehr zustimmen, ich war sogar gelangweilt von ihrem Stil, die Geschichte wurde dadurch nicht spannender, und auch ihr Wortreichtum wirkt irgendwann nicht mehr lustig, sondern konstruiert und deplatziert. So.)