Sehnsucht nach Ungreifbarem

Eine Sehnsucht, 
die dich immer weitergehen,
nie stillstehen lässt;
an der du bisweilen verzweifelst,
doch jeder Schritt in ihre Richtung erfüllt dich
wie nichts auf der Welt.

Sie ist still, lautlos gar,
und übertönt doch alles.
Weil dein Außen oft alles einnimmt, vergisst sie dein Kopf, dein Herz aber nie.

Wie etwas finden, von dem du nur weißt, aber nicht weißt, was es ist?
Das du nicht suchen kannst, sondern das dich findet, aber nicht, wenn du stehen bleibst?
Das kein Ende hat, nur das deine,
und das für jeden offenbar und doch unsichtbar ist?

(Halle, 12.06.22; Gedanken zu meinem literarischen Projekt „Die Unterirdischen Seen“)

Rudel oder kein Rudel

Menschen, die alleine sind, sind uns auch deshalb suspekt, weil sie vermeintlich zu keinem Rudel gehören.

Wer zu keinem Rudel gehört, scheint sich nicht rudelgemäß – also sozial – zu verhalten, scheint in keine Gemeinschaft zu passen, scheint eine Gefahr darzustellen, scheint meidenswert.

Der Mensch überlebt nur im Rudel, daher ist dies tief in unseren Instinkten verankert, Einzelgängern zu misstrauen.

Man muss nicht mal Einzelgängerin sein, um misstrauische Blicke zu ernten, wenn man alleine spazieren, essen, in eine Bar oder ins Kino geht. Hat die keine Freunde?

Manchmal habe ich das Gefühl, mich in diese Situation hineinmanövriert zu haben und nicht mehr herauszukommen. Die Pandemie hat bestimmt ihr Übriges getan, ohne Zweifel, hat Gehirnwäsche betrieben. Aber meine besten Freundinnen wohnen so weit weg und es fällt mir schwer, andere, neue Freundinnen zu finden. Liegt das am Alter? Die meisten bauen Nest, gründen Familie. Es ist nicht mehr so einfach wie im Studium, wo man automatisch viel Kontakt zu anderen hatte.

Gleichzeitig langweilen mich viele Menschen mittlerweile (vermutlich ist das das Problem, ich weiß). Ständig auf der Suche nach der nächsten Ablenkung, ständig andere Leute treffen, da nen Kaffee, dort n Sektchen, Partyparty bis auf Nimmerwiedersehen. Ich habe Dinge zu erledigen, Ziele. Ich habe das Gefühl, die Zeit rennt mir davon.

Ich war schon immer gern allein mit mir, wird auch nie langweilig, nur manchmal. Das Gefühl der Langeweile bietet viel Potenzial für Kreativität, es eröffnet neue Räume (s. mein Text Lange Weile).

Wenn ich mal nicht auf eine Party gehen wollte, weil ich wusste, ich würde mich dort wegen der Leute einsamer fühlen als zuhause in meinem Zimmer, hat mich meine Mutter seltsam – misstrauisch – angesehen. Was stimmt nur nicht mit dir, mein Kind, geh doch auf die Party, was hast du denn schon wieder? Sei doch nicht so komisch. Warum habe ich mich dann am Ende schlecht gefühlt? Wegen solcher Worte.

Natürlich sehne ich mich nach anderen Menschen, dazuzugehören, nach einer Gruppe, die mich auf- und so nimmt, wie ich bin. Ich wünsche mir nichts sehnlicher. Meistens aber muss ich mich verstellen, so tun, als ob, es ist immer dasselbe. Ich habe auch Menschen, die ich zu meinem Rudel zähle, aber die wohnen alle weit weg (die meisten zumindest).

Ich gründe bald mein eigenes Rudel, das ist mal sicher. Bis dahin heule ich den Mond an.

(Halle, 3.6.22)

P.S.: „Rudel“ ist so ein komisches Wort. Lest das mal öfters hintereinander. Rudel. Rudel. Rudél. Rúdel. „Rudl“ ist außerdem der (Spitz)Name meines Großonkels, des Bruder meines Opas. Nur so. Und: Mir ist klar, dass „Rudel“ nicht der passendste Ausdruck ist, „Gruppe“ wäre passender. Aber „Rudel“ gefällt mir dann doch besser grad ;).

Manchmal, da

Manchmal, da
fühl' ich mich so 
verloren 
zerbrechlich 
zu sehr 

für diese steinharte Welt, 
für ein System, 
in dem ich - 
will ich sein, 
wer ich bin - 
kaum leben kann. 

Manchmal, da
frag ich mich, 
was ich hier eigentlich mache, 
wozu das alles. 

Hast Du Angst? 
Nein. 
Jeden Moment könnt ich gehen 
und bereute doch nichts:

So sehr geliebt, 
alles gefühlt, 
getanzt, gelacht, gestaunt. 
Ist das nicht Ziel genug? 

Das muss dieses Leben sein

Überwältigend:
Kopf bis Fuß vibriert,
eins mit dem Bass,
wir lösen uns auf,
spüren uns - endlich.

Schwitzende Körper
aneinanderreibend,
glücklich strahlend,
tauschen wir schüchtern
Blicke,
unser Herz voll und
in diesem Augenblick
unbeschwert.

Das muss dieses Leben sein.

Vielleicht waren
die Momente des Rauschs
nicht nur da,
um alles um uns herum
zu vergessen, nein -
um uns selbst zu vergessen.

Die Vögel singen uns gute, beste Nacht
und sich einen schönen Morgen zu.

(Halle, 08.05.22)

Gift

Warum habe ich so unglaubliche Angst davor, diese Geschichte zu beginnen? Mich hinzusetzen und loszuschreiben?

Der Gedanke daran lähmt meine Finger. Zweifel stehlen sich in meinen Kopf, vergiften mein Herz.

Wer bin ich schon, wer hat mir die Flausen in den Kopf gesetzt, ich könnte wirklich Schriftstellerin sein? Jeder schreibt heutzutage, so viel belanglose Worte sind auf dem Markt, Erfolg hat sowieso nur, wer sich schon einen Namen gemacht hat. Warum sollte gerade ich, Nachfahrin von Bauern aus dem tiefsten Niederbayern, schreiben? Die Stimmen wispern: Such Dir endlich eine vernünftige Arbeit, hör auf zu träumen, das sind nichts weiter als kindliche Phantastereien!

Das Problem ist: Auch wenn mich die Angst lähmt, weiß ich doch, dass ich es tun muss. Wenn ich es nicht versucht habe, werde ich nie in meinem Leben zufrieden sein, wird dieser Traum immer in meinem Hinterkopf bleiben, zusammen mit der Frage: Was wäre, wenn?

Hättest Du, wärst Du nur, könntest jetzt.

Und weil ich weiß, dass ich vor allem vor den Dingen am meisten Angst habe, die richtig für mich sind, weil sie am wichtigsten sind und ich deshalb absolut nicht versagen will, muss ich es irgendwie schaffen, die Angst zu überwinden. Habe ich bisher auch immer, aber so schwierig war es noch nie. Ich behaupte mal, dass ich viele Dinge in den letzten Jahren deshalb getan habe, um mich nicht mit dieser Angst auseinandersetzen zu müssen.

Es ist die Geschichte der Unterirdischen Seen, die unbedingt geschrieben werden will. Aber warum, was fasziniert mich so daran? Ist es die Tatsache, dass es sich dabei um etwas handelt, von dem sich alle Menschen erzählen, aber niemand genau weiß, ob es sie wirklich gibt? Denn alle, die sie gesehen haben, sind entweder nicht mehr zurückgekehrt oder haben nie wieder davon gesprochen. Wie etwas beschreiben, das von vollendeter Schönheit ist? Ist es die Stadt außen herum, die mich seit meinem Aufenthalt in ihr so fasziniert und die für mich die perfekte Metapher darstellt?

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich die bin, für die ich mich halte. Der Rest liegt nicht in meinen Händen.

(Halle, 01.05.22)

Brief aus der Zukunft (III)

Nachdem sich Europa damals fast verlor, hat es sich zum Glück wiedergefunden. Oder besser: neu erfunden. Der alte Mann musste erst sterben, Kreislauf des Lebens und so.

Es war ein Kampf, der sich gelohnt hat. Das Europa von heute, mein Europa, hat seine Fehler zugegeben und vor allem aufgehört, die gleichen zu machen, nur unter anderem Namen. Heute ist Europa ein anderes.

Wir feiern jetzt die Vielfalt, die sich aus unserer Vergangenheit, aber auch der Gegenwart ergibt. Die Vielfalt der Menschen, ihrer Meinungen, Hautfarben, Kulturen, Ideen, ihres Glaubens. Buntheit statt Tristesse, die Anderen als Chance. Liebe ist das einzige, was wir angsterfüllten Schwarz-Weiß-Erzählungen und Rückwärtsgewandten entgegensetzen können, das hat die Mehrheit mittlerweile erkannt.

Niemand muss mehr draußen bleiben, wenn er nicht will, und es gibt auch keine Gründe mehr, unfreiwillig nach Europa kommen zu müssen. Hochkomplex, aber am Ende relativ einfach gelöst. Wäre jetzt zu lang zu erklären, es hat auf jeden Fall mit globaler Gerechtigkeit, Wirtschaft, internationalen Beziehungen zu tun, und vor allem mit der Einsicht, dass es nicht ein paar wenige Menschen geben darf, die alles haben, und eine Mehrheit, die wenig bis nichts besitzt. Das ist aber ein eigener Brief, das spar ich mir auf.

Klingt alles ganz gut, stimmts? Und definitiv machbar. Solltet ihr mal ausprobieren, ihr da von früher. Natürlich mach ich Witze, ich weiß ja, dass ihr früher oder später drauf kommt, sonst wär ich jetzt nicht hier. Sonst wär alles kaputt gegangen, aber das verhindert ihr. Zum Glück.

Danke schon mal und bis bald mal wieder, Grüße und Küsschen,

Eure Lenka Lewka

Brief aus der Zukunft (II)

Ich habe kürzlich von den 20er Jahren gelesen. Keine Zeit, in der ich gern gelebt hätte.

Die ganze Welt war entflammt, die Menschen, vor lauter Möglichkeiten und andauerndem Informationsfluss überfordert und auf der Suche nach Halt.

Den fanden sie an unterschiedlichsten Stellen.

Die einen folgten am liebsten den Erzählungen der Rückwärtsgewandten, die die Vergangenheit glorifizierten und einfache Lösungen für eine komplexe Zeit versprachen. Dass es zwar die einfachste Sache ist, alte Ideen zu wiederholen, weil man sich nichts Neues überlegen muss, aber dass man dabei vergisst, dass diese alten Geschichten die Welt genau dahin gebracht hatten, wo sie damals war, muss ich gar nicht weiter ausführen. Zu oft haben wir ja schon gesehen, wohin es führte, wenn Vergangenheitsfetischisten an der Macht waren. Deren Erzählungen werden außerdem auf den Rücken anderer ausgetragen. Keine gute Basis: Der Rücken hält zwar viel aus, bricht aber bei zu viel Belastung.

Manche versuchten sich an der glorifizierten Gegenwart festzuhalten, sie wollten alles so belassen, wie es war, was ja doch nie möglich ist und den eigentlichen Zustand der Welt ausblendet. Sie zogen sich ins Private zurück, einer inneren Emigration gleich, und wurden ganz und gar unpolitisch. Haus, Job, Auto – das waren die einzigen Dinge, auf die sie (vermeintlichen) Einfluss hatten und die es zu schützen galt. Und wehe, etwas bedrohte die materielle Dreifaltigkeit! Doch auch dann wandten sich diese Menschen nicht gegen den eigentlichen Auslöser, sondern traten nach unten, gegen die, die am nächsten, am sichtbarsten und leider auch am unschuldigsten waren.

Wieder andere gingen in die entgegengesetzte Richtung und zerlegten jede Art von Identität in ihre Einzelteile. Sie vergaßen darüber den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen, be- und verurteilten ihn nach den Worten, die er wählte, nach der Meinung, die er hatte, oder nach dem Geschlecht, für das niemand auf der ganzen Welt jemals etwas konnte.

Durch diese kritische Betrachtung fühlten sie sich moralisch überlegen all jenen gegenüber, die dazu nicht im Stande waren oder andere Sorgen hatten. Dieses Zusammenwürfeln der Identitätspuzzleteile hatte zur Folge, dass sich die Menschen gegenseitig zerstritten und in Grüppchen teilten, uneins und jeder für sich; sie wurden noch unglücklicher und fielen anderen Heilsversprechen zum Opfer.

Diejenigen, die sich eigentlich die Sozialen nannten, waren mit Identitätskleinklein beschäftigt und hatten über diese elitären Diskussionen (die man sich schließlich leisten können muss) vergessen, für was es sich wirklich lohnte zu kämpfen.

So manche Kräfte wussten diese Verwirrung und Zerstückelung der Gesellschaften zu nutzen, ja, verstärkten diese noch. Wer sich vor allem um sich selbst kümmert, wer nach unten hasst, wer mit Überleben oder intellektuellem Kleinklein beschäftigt ist, kann das Große Ganze nicht sehen. Und während die Wenigen immer reicher wurden, wussten die Vielen nicht, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte, und sie gaben sich selbst oder anderen in derselben Lage die Schuld. Ganz kommod für die Wenigen, die von der Zerstrittenheit der Vielen profitierten und daher daran interessiert waren, diese Feuer, die alle verbrannten, weiter am Leben zu halten.

Mir scheint, weil viele Leute damals nicht mehr wussten, wer sie sind, und weil eine größere Gesamterzählung fehlte, an der sie sich festhalten konnten und die sich nicht nur von der Angst der Menschen ernährte wie Schwarz-Weiß-Erzählungen, war Europa in viele kleine Einzelerzählungen geteilt, getrennt. Wie soll etwas gemeinsam erschaffen werden, wenn niemand weiß, was „gemeinsam“ eigentlich heißt?

Im nächsten Brief erzähle ich Euch, was in meiner Gegenwart anders als damals ist.

Für heute aber verbleibe ich mit Küsschen und liebsten Grüßen

Eure Lenka Lewka

Menschen, die aus Fenstern starren

Alles schmerzt wie nach
einer Woche ohne Schlaf.
Gestern Marathon gelaufen oder die Nacht durchgefeiert? 
I wish - jeden Tag, die letzten fünf Wochen.

Keine Erinnerungen, keine Pläne,
nur das Jetzt.
Kein Streit und unnötiges Kopfzerbrechen, 
keine theoretischen Konstrukte wälzen, auseinanderbrechen, neu zusammensetzen. 

Kein Kuchen- und lauer Frühlingsabendduft,
oh, die Luft nach Sommerregen,
morgens um sechs,
nur die Vögel und ich.

Treppen, Berge, Hügel:
keine Luft, Lungenschmerzen, 
Pause. 

Ich genieße den Moment, muss einfach, 
keine Wahl.
Bewusst jeden Schritt gehen, eins nach dem anderen langsam erledigen - 
klingt doch nach purer Meditation, oder?

Bitte, Politik, 
hör nicht auf die „Spaziergänger“ 
wie damals auf Pegida, 
lass dich nicht von Angst vor Minderheiten leiten. 

Hab lieber Angst vor einer Armee aus Zombies, die wir werden, je mehr wir von Corona durchseucht sind. 
Obwohl - wer hat schon Angst vor Menschen, die eh keine Kraft haben, sich aufzuregen, geschweige denn längere Texte zu schreiben oder sich länger zu unterhalten?!

Vielleicht wird deshalb noch zu wenig darüber gesprochen, weil es ein wirklich seltsamer Zustand ist, der Nichtbetroffene schnell mal zu Kommentaren verleitet wie: Mach was für deinen Kreislauf, vielleicht hast du zu wenig Vitamin D, brauchst bestimmt einfach nur mal Urlaub. Danke für die Tipps und seid versichert: Wenn ich was anderes als nach jeder „kleinen“ Anstrengung rumliegen könnte, würd ich das gewiss auch gerne tun. 

Leider schleichen sich solche Kommentare in den Kopf und richten dort immensen Schaden an: Selbstvorwürfe, Misstrauen dem eigenen Körpergefühl gegenüber, Nichternstnehmen der Krankheit, die dann umso heftiger und länger bleibt. 

Anders aber und etwas zynisch gedacht - 
wenn mehr Menschen Long Covid hätten, gäb es keinen Krieg mehr, weil alle zu müde dafür wären und einfach nur ihre Ruhe wollten. 
Auch nicht schlecht, und doch viel zu umständlich…

Nun aber erstmal ein frohes Osterfest Euch allen, bleibt oder werdet schnell wieder gesund und danke fürs Lesen 🙏💚

(Essenbach, 16.4.2022)