sie weigert sich

Warum sie aneckt: Sie weigert sich, auch nur ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie weigert sich, sich bescheiden auszudrücken, zu beschwichtigen. Sie weigert sich, auch nur einen Strahl ihres Selbst zu dimmen, um die Menschen, die doch ihr Licht suchen, weniger zu blenden.

Sie weigert sich zu sagen: Oh, das schreibe ich lieber nicht so, das geziemt sich nicht als Frau. Oh, lieber passe ich mich an, bin eine dieser Frauen mit weichen, kuscheligen Kurven, eine Liebeskugeln mit Löchern, die kann niemanden stören.

Sie weigert sich, nur einen ihrer Gedanken zu verstecken, aus Angst vor der Reaktion der Leute, aus Angst, Gefühle zu verletzen und gegen gegenwärtige Moralvorstellungen zu verstoßen. (Dabei, wie wir schon seit Friedrich wissen, befinden wir uns immer jenseits dieser, solange wir aus Liebe handeln. Oder mit Dopewalka gesprochen: Was interessiert mich die Moral, solang‘ die Liebe sich von selbst versteht. Das nur nebenbei.)

Nun, da ist also diese Frau, die sich erdreistet, in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Die sich erdreistet, das anzuziehen, was ihr gefällt, die sich andere Umgangsformen wünscht, die einfach eine ganz außergewöhnliche Figur darstellt. Sie polarisiert, und niemand weiß mehr damit umzugehen, wenn ein Mensch — und noch dazu eine Frau — derart geradlinig, selbstbewusst und anspruchsvoll ist.

Das ist sie auch in ihren Texten. Sie schreibt selbstvergessen und hochgradig aufrichtig, eine Bedingung für herausragende Literatur – und die ist in diesem unüberschaubaren Haufen an gedruckten Büchern und Autor(innen) selten.

Ja wie, sie will uns die Welt erklären, wie soll das denn gehen? Ein so junger Mensch, der hat doch noch nichts vom Leben gesehen. Sie gebärdet sich, als wär‘ sie ihre Großmutter, als hätte auch sie mindestens achtzig Jahre auf dem gekrümmten Buckel.

Muss man denn erst alt sein um zu wissen? Wissen nicht manche Kinder dieser Welt schon mehr vom Leben, haben mehr gesehen als die meisten Intellektuellen und Literaten hier im Land? Sind es denn die Jungen, die unsere Zukunft gefährden, weil sie der Glanz des Goldes mehr interessiert als das Glitzern der Sonne auf dem steigenden Meeresspiegel?

(Gedanken zu einer öffentlichen Person, über die gerade viel diskutiert wird. Die Zeilen über ihr Buch habe ich nach dem Lesen der ersten paar Seiten verfasst; nach fortgesetzter Lektüre würde ich dem nicht mehr zustimmen, ich war sogar gelangweilt von ihrem Stil, die Geschichte wurde dadurch nicht spannender, und auch ihr Wortreichtum wirkt irgendwann nicht mehr lustig, sondern konstruiert und deplatziert. So.)

Bunte Löcher

Mit Maschinengewehren durchlöchern sie die Wände. Dort, wo die Kugeln durch die Wald dringen, hinterlassen sie einen bunten Fleck.

Smartieswand. Styroporwand.

Das passiert in dem einen Raum. Wir fliehen in den nächsten. Wir, das sind ich und noch viele andere Kinder, meine Brüder, meine Eltern.

Ich bin allein in einem langen Flur. Weiße Wände und weiße Stahltüren. Ganz am Ende öffne ich eine Tür mit rotem Lederbezug. Mein Blick fällt auf einen riesigen Kinosaal, in dem die Sitze nur bis zur Hälfte ansteigen und dann wieder an Höhe verlieren. Als hätten sie einen großen Knick in der Mitte. In der vorderen Hälfte sehe ich meine Eltern, sie starren ganz gebannt auf sich selbst auf der Leinwand, ich höre meine Mama sprechen.

In der hinteren Hälfte sitzen meine Großeltern. Sie winken mir fröhlich zu, obwohl sie wegen des Knicks doch gar nichts sehen können und draußen vor der Tür gerade unzählige Menschen getötet werden. Wie können sie so scheinbar unbeschwert hier sitzen und Film schauen? Sind wir in diesem Kinosaal etwa sicher?

Ich würde gerne zu ihnen gehen, alles um mich herum vergessen, ihre Liebe spüren. Aber meine Füße tragen mich rückwärts hinaus.

Wieder zurück im weißen Flur mit den weißen Stahltüren. Schritte. Ich verstecke mich in einem der Räume, es scheint eine Abstellkammer zu sein mit Waschbecken und gefährlich aussehender Spritze im Schrank hinter dem Spiegel. Ich nehme sie vorsichtshalber an mich.

Vor der Tür höre ich Männerstimmen und wage einen Blick nach draußen. Es handelt sich um den Mann, vor dem mich alle gewarnt haben. Der verantwortlich ist für all die toten Menschen, für den versuchten Mord an uns. Und den, den sie noch vollenden werden. Der Mann mit dem zwei Finger breiten Oberlippenbart. Er hält sich normalerweise hinter der dritten Stahltür auf, die niemand sonst betreten kann, weil sich dahinter ein Tresor verbirgt.

Er sieht mich nicht. Ganz fest umklammert meine Hand die Spritze, bereit für alles, was da kommen mag.

Er verschwindet in seinem Tresor. Ich traue mich nach draußen. Seine Soldaten können mich jederzeit erwischen, aber auch einer meiner Mitstreiter könnte auftauchen. Mich drängt es in den nächsten Raum, wo sich die Toilette und Dusche des Oberlippenbartmannes befindet. Ich muss mal. Die Tür ist zugesperrt, für ein paar Sekunden habe ich meine Ruhe und bin erleichtert.

Da rüttelt jemand an der Tür, rüttelt stark, das Schloss ist schwach, das Schloss geht auf. Er ist es, auch er hat wohl ein dringendes Bedürfnis. Er starrt mich mit unverhohlenem Ekel und Hass an.

Seine schwer bewaffneten Männer tauchen im Hintergrund auf, menschliche Hüllen ohne Willen, aber mit dem unwiederbringlichen Tod in den Händen.

Ich stehe auf, mich dem Schicksal ergebend – schon wieder hat es mich erwischt – und verlasse mit den Zombies den Raum.

Ich wache auf.

Der Ameisenbau

Im Wettbewerb der Länder war dasjenige im Vorteil, dessen Einwohner sich gleich Ameisen verhielten, die ihrer Königin und nur dieser zu Diensten waren und sonst keinem. Die deren Erzählungen verinnerlicht hatten, ihre Strenge für gut hießen und die kopflos arbeiteten, damit im Ameisenbau alles reibungslos funktionierte.

Niemand klagte über das strenge Regime der Königin, und wenn doch, hatte er Konsequenzen zu fürchten. Die Gemeinschaft, das Kollektiv war das, was zählte, und jeder hatte seinen Beitrag zu leisten. In einem riesigen Bau war es zu verschmerzen, hin und wieder ein paar Bewohner zu verlieren. Ja, es war gar nicht anders möglich.

Das größere Ganze stand im Fokus, und das war der Erhalt und die Vergrößerung des Ameisenbaus.

Nun musste es sich bei der Königin nicht um eine Person handeln, es konnte auch eine Erzählung sein, an die alle glaubten. Sei es die der Vorfahren, sei es die Schaffenskraft und Produktivität des Kollektivs, sei es das persönliche Glück.

Die Bewohner brauchten etwas, woran sie glauben konnten, um zu funktionieren und das System zu erhalten.

(Halle, 15.11.20)

Stillstand

Das ist der Stillstand, den ich so dringend benötigte. Er wurde mir gegeben, und jetzt habe ich die Chance, tief in mich zu gehen und mich wiederzufinden.

Eine Pause, in der ich nicht mehr so einfach nach außen fliehen kann, in der ich mich mit mir selbst beschäftigen muss. Oder müsste, würde nicht für allerlei Ablenkung auch in meinem eigenen Zuhause gesorgt.
Jetzt ist die Pause, in der ich mit mir selbst ins Reine kommen kann, in der ich die Revolution in meinem Kopf und Körper ins Rollen bringen kann, die die ganze Welt mit sich reißt.

Zu lange haben wir uns wie Blutegel vom System ernährt, konkret von der jahrhundertelangen Ausbeutung Anderer, die bis heute andauert oder deren Folgen immer spürbarer werden. Raubbau für unseren täglich Komfort und Überfluss, für unsere Verschwendungssucht. Immer mehr schneller billiger hat Konsequenzen. Braucht es das alles?

Jetzt merken wir, was wirklich wichtig ist: Familie, Freunde, Menschen an sich, Kontakt mit diesen, Gemeinschaft. Nicht das Feiern, das uns doch nur in einen anderen Zustand versetzte, weil wir das Hier und Jetzt und uns selbst vergessen wollten. Weil wir Einssein wollten, und uns jahrhundertelang vorgegaukelt wurde, dass dies mit Mitteln einfacher und echter wird. Vielleicht ist es das auch, zumindest kurz, weil wir verlernt haben, ohne diese Mittel wir selbst zu sein oder uns mal eben selbst zu vergessen.

Wir brauchen nicht noch ein Auto, nicht noch ein technisches Gerät, nicht noch mehr Klamotten, die wir ein oder zwei Mal oder gar nicht tragen. Wir brauchen all das, was wir uns selbst erzählen, dass wir es brauchen, nicht.

Ich kann jetzt nicht mehr einmal um die ganze Welt vor mir selber fliehen, sondern bin gezwungen, mich mit meiner direkten Umgebung auseinandersetzen. Wer sind eigentlich meine Nachbarn? Mit wem wohne ich da zusammen? Kenne ich den Menschen, der neben mir sitzt? Was wollte ich eigentlich schon immer oder lange tun, aber irgendwas kam immer dazwischen?

Dieser Stillstand ist eine Prüfung: Kann ich solidarisch sein, kann ich menschlich sein, habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich eine Zeit lang mich selbst zurückstelle und Rücksicht nehme, um andere, aber auch mich selbst zu schützen? Schaffen wir es, unser Innen und Außen so zu verändern, dass wir auch weiterhin hier leben können?

Diese Welt steht vor einem Umbruch, und es ist an uns zu entscheiden, ob wir daran aktiv mitwirken oder er über uns hereinbricht.

getroffen

Offensichtlich hat der weiße Mann ein Identitätsproblem. Und weil er nicht weiß, wer er ist, projeziert er seine Ängste auf all jene, die diese Ängste in ihm auslösen.

Nicht Wut ist daher angebracht, sondern vielmehr Mitleid.

Wie anstrengend muss ein Leben sein, wenn man sich von Feinden umzingelt und die Welt kurz vor dem Untergang sieht? Wenn man bemerkt, dass der eigene Status des Unangreifbaren zu bröckeln beginnt, ja sogar Statuen des eigenen Spiegelbilds schon gefällt wurden? Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, sich mit sich selbst, seinem Handeln und dessen Konsequenzen, nicht nur heute, sondern auch vor dem eigenen Dasein, auseinandersetzen zu müssen?

Die Erbfolge wurde abgeschafft, doch gegen den Sturz kämpft der einst unangefochtene König wie ein verwundetes, im eigenen Blut liegendes, mit letzten Zuckungen sich gegen das Unvermeidliche wehrendes Tier…

herbst

Der liebevolle Blick aus
müden, braunen Augen
zärtlich auf mich gerichtet.

Seine noch jungen Arme,
sein fein geschnittenes Gesicht.

Seine Augen sahen schon zu viel
für ein Leben, und
damals mich an,
voll der Liebe
und doch schon mit einem Hauch der Wehmut.