Gift

Warum habe ich so unglaubliche Angst davor, diese Geschichte zu beginnen? Mich hinzusetzen und loszuschreiben?

Der Gedanke daran lähmt meine Finger. Zweifel stehlen sich in meinen Kopf, vergiften mein Herz.

Wer bin ich schon, wer hat mir die Flausen in den Kopf gesetzt, ich könnte wirklich Schriftstellerin sein? Jeder schreibt heutzutage, so viel belanglose Worte sind auf dem Markt, Erfolg hat sowieso nur, wer sich schon einen Namen gemacht hat. Warum sollte gerade ich, Nachfahrin von Bauern aus dem tiefsten Niederbayern, schreiben? Die Stimmen wispern: Such Dir endlich eine vernünftige Arbeit, hör auf zu träumen, das sind nichts weiter als kindliche Phantastereien!

Das Problem ist: Auch wenn mich die Angst lähmt, weiß ich doch, dass ich es tun muss. Wenn ich es nicht versucht habe, werde ich nie in meinem Leben zufrieden sein, wird dieser Traum immer in meinem Hinterkopf bleiben, zusammen mit der Frage: Was wäre, wenn?

Hättest Du, wärst Du nur, könntest jetzt.

Und weil ich weiß, dass ich vor allem vor den Dingen am meisten Angst habe, die richtig für mich sind, weil sie am wichtigsten sind und ich deshalb absolut nicht versagen will, muss ich es irgendwie schaffen, die Angst zu überwinden. Habe ich bisher auch immer, aber so schwierig war es noch nie. Ich behaupte mal, dass ich viele Dinge in den letzten Jahren deshalb getan habe, um mich nicht mit dieser Angst auseinandersetzen zu müssen.

Es ist die Geschichte der Unterirdischen Seen, die unbedingt geschrieben werden will. Aber warum, was fasziniert mich so daran? Ist es die Tatsache, dass es sich dabei um etwas handelt, von dem sich alle Menschen erzählen, aber niemand genau weiß, ob es sie wirklich gibt? Denn alle, die sie gesehen haben, sind entweder nicht mehr zurückgekehrt oder haben nie wieder davon gesprochen. Wie etwas beschreiben, das von vollendeter Schönheit ist? Ist es die Stadt außen herum, die mich seit meinem Aufenthalt in ihr so fasziniert und die für mich die perfekte Metapher darstellt?

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich die bin, für die ich mich halte. Der Rest liegt nicht in meinen Händen.

(Halle, 01.05.22)

Die Rächerin im weißen Kleid

Die ältere Dame legt letzte Hand an. Ein Krönchen auf meinem Kopf, das Prinzessinnenbrautkleid sitzt perfekt, alles ist bereit für die Zeremonie. Sie sieht mich erwartungsvoll an, als wüsste sie, was ich gleich sagen werde. Sie hat Angst davor.

— Hast du mein Schwert? Ich habe so eine Ahnung, dass ich es heute brauchen werde.
Flüstere ich mit gläsernem, von Vorahnungen getrübtem Blick.

Die Dame nickt.

— Also ist es wahr. Ich habe es schon befürchtet.

Sie dreht sich um und zieht ein diamantbesetztes Schwert hervor. Ich erkenne es. Es ist mein Schwert, das vor so vielen Jahren mein ständiger Begleiter war. Wenn ich es in der Hand halte, ist es erstaunlich leicht. Es ist biegsam und scheint für Kinder gemacht. Doch das Äußere täuscht wie immer. Weiß Gott, wie viele Menschen ich damit verletzt und getötet habe.
Doch das sind Szenen, die in meiner Erinnerung verschwimmen. Vielleicht war das gar nicht ich.

Ich muss lachen.

— Tja, dieses Kleid ist nicht für Frauen mit Schwertern gemacht. Wo stecke ich es denn jetzt hin?

Die Dame lächelt.

— Wunderschön siehst du aus. Mächtig. Furchteinflößend. Hier.
Sie reicht mir einen Gürtel passend zum Kleid, an dem eine Scheide befestigt ist.

Ich bete inständig, dass am Ende des heutigen Tages nicht alles rot sein wird.

So gut ich mich gerade fühle, so sehr ich mir meiner bedeutsamen Rolle bewusst bin und auch sicher weiß, dass dieses Kleid allein mir zusteht und ich die Menschen befreien kann – die Stimme meiner Selbstzweifel beginnt sich zu regen.
Sind sich die anderen wirklich sicher, dass genau ich in diesem Kleid stecken soll? Dass ich dieses Schwert tragen darf? Dass ich gleich in einer mystischen Zeremonie zur „Rasenden Retterin der Menschheit“ ernannt werde?

Was für ein unangenehmer Erwartungsdruck.

Ein kleiner, fieser Teil in mir hofft auf eine Verwechslung, auf einen Menschen, der kurz vorher noch dazwischenruft: Halt, ihr habt euch geirrt, ihr habt die falsche Frau, ich bin es doch! Dann würden wir Kleidung tauschen und ich meine Verantwortung an sie abgeben. Was für eine Erleichterung das wäre.

Aber das ist reine Fiktion. Das ist die Angst in meinem Kopf — mein Herz weiß es besser.

Ich trete in den Gang hinaus und gehe in Richtung des Zeremonienzimmers. Dort sehe ich schon ein paar mir liebe Menschen, alle in weiß gekleidet, erwartungsvoll auf mich wartend, sich an den Händen haltend.
Aber ich bin noch nicht soweit. Ich brauche noch einen kurzen Moment.

Als ich die Augen aufschlage, befinde ich mich an einem anderen Ort. Das Kleid ist noch dasselbe, doch von oben bis unten rot und braun. Ich will gar nicht wissen, warum.
Außerdem habe ich gerade andere Sorgen.

Mit einer Hand hänge ich an einer Wand über einem Abgrund. Oben auf dem Felsen stehen meine Mitstreiter und schreien mir etwas zu. Mit seltsamen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ziehe ich die Erd- und Felsmassen nach oben und unten, wodurch sich eine Höhle zu öffnen scheint. Aus dieser fließen Unmengen an Wasser, weswegen ich vorhin dachte, unter mir sei ein Meer.
Die letzten Bilder sind verschwommen. Wir müssen in diese Höhle, das weiß ich noch. Aus welchem Grund, das nicht. Sie greifen uns an, wir kämpfen. Wir verstecken uns. Wir haben Angst, und sind uns doch unserer Stärke bewusst.

Wir haben mich.

Ich für euch, und wenn ich dabei zugrunde gehe. Wunderbarerweise glaubt ihr an mich. Die Verbindung zwischen uns ist so stark, sie ist mein Antrieb, und ich werde alles für euch geben.
Bei meinem diamantbesetzten Gummischwert und dem nicht mehr ganz so weißen, blut- und schlammverschmutzten Hochzeitsrächerinnenkleid. Ich verspreche es euch.

Dann springe ich.

Aufstand der Herzen

Neulich las ich ein Interview mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann. Er warf eine äußerst interessante Frage auf. Was, wenn die überhandnehmende Volkskrankheit namens „Depression“ nicht an den Menschen, sondern am Zustand dieser Welt liegt? Wenn sie eigentlich Ausdruck einer tiefgehenden Gesellschaftskritik ist?

Denken wir diesen Ansatz weiter, ist nichts falsch mit uns, unsere Instinkte liegen richtig.

Sie erzählen uns, wir seien krank; sie stopfen uns mit Medikamenten voll, betäuben uns, während doch die wahre Medizin eine Veränderung des Zustands wäre.

Revolution, die Umwälzung der Gesellschaft, beginnt in den Körpern und Seelen der Menschen, so Aldous Huxley. Dessen sind sie sich genau bewusst.

Um wirklich gesund zu werden müssten wir die starre Verkrustung des Schweigens brechen, das sich über die Jahrzehnte in den Herzen der Menschen festgesetzt hat. Wir müssten das Ideal des Individualismus als Farce entlarven — Wesen der Gemeinschaft sind wir.

Es bräuchte wieder einen Aufstand der Arbeiter, doch solange sich niemand auch für die Billiglohnarbeiter aus und in anderen Ländern einsetzt, ist auch dieser ohne Sinn. Und wer setzt sich freiwillig für diejenigen ein, die unseren Wohlstand aufrecht erhalten? Sklaven sind wir alle, oder wie es bei „Moby Dick“ heißt: Wer ist denn kein Sklave? Wirklich frei ist letztlich nur, der da ist ohne Angst.

Sind diejenigen also, die unter Depressionen, Ängsten, Panikattacken leiden, die eigentlich Gesunden dieser Gesellschaft? Wie ließe sich angesichts des Zustands der Welt wahrhaftig froh sein und angstfrei leben? All die Liebe in euren Herzen nützt doch nichts, wenn ihr beständig auf Mauern stoßt. All die Liebe in einer entseelten Welt. Entseelung ist ansteckend und vererbbar, sie steckt tief in unseren Knochen. Wie sie also so einfach loswerden?

Jeder Akt der Liebe, jede Entscheidung gegen den Hass und für die Gemeinschaft ist eine Rebellion, ein Aufstand der Herzen.

(Halle, 08.05.2021, Fortsetzung folgt)

Umwälzung

Die Getrenntheit der Menschen ist das Problem unserer Zeit.

Individualismus zerstört, wer hat uns diesen eingeredet? Der Mensch dreht sich um sich selbst, ist sich selbst der Nächste.

Jeder Mensch ist Teil eines größeren Ganzen, als der er auch etwas bewegen kann. Doch diese Erkenntnis ist uns verlustig gegangen, und in diesen Pandemie-Lockdown-Zeiten merken wir, wohin uns dieser Individualismus führt.

„Revolution“ bedeutet „Umwälzung“: Unten nach Oben, Oben nach Unten. Die große, dunkle Masse, die Vielen, kommt ans Tageslicht, wird nach oben gekehrt, die dünne Schicht obenauf, die Wenigen, nach unten, alles wird Eins.

Die Menschen sind taub, lethargisch, gleichgültig, die Welt ist ihnen zu schnell und groß geworden, etwas, das sie mit ihren Körpern, die sich seit Jahrtausenden nicht wirklich verändert haben, nicht verstehen. Sie reagieren mit Angst — ganz natürlich — auf den unsichtbaren Feind im Gebüsch. Sie erzählen sich Geschichten, um das Unfassbare greifbarer zu machen, um die Angst in bestimmte, geregelte Bahnen zu lenken. Geschichten wie Leitplanken, an denen sie sich orientieren können, aber aufgrund dieser sie auch den vorgezeichneten Wegen folgen.

Es gibt diesen Ausweg, doch er ist schmerzhaft, mit großen Verlusten verbunden, doch er beinhaltet den besten Freund, den man sich vorstellen kann: sich Selbst.