Bestandsaufnahme nach zwei Jahren Pandemie

Ich spare Energie. Meine Energie. Seit einiger Weile, es hat sich eingeschlichen, überlege ich mir doppelt und dreifach, mit wem ich meine Zeit verbringe und ob ich nicht doch lieber alleine bleibe. Ich sehne mich so sehr nach einer großen fremden Menschenmenge (und am liebsten viele bekannte Gesichter), jede Nacht träume ich davon, und gleichzeitig kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Vor zwei Jahren könnte auch in einem anderen Leben gewesen sein, so unbeschwert, alles als natürlich hinnehmend. Gewiss hat sich seither viel verändert, unabhängig von Viren: Ich bin 30 geworden, habe meinen ersten richtigen 40-Stunden-Job. Da ist automatisch weniger Unbeschwertheit drin, und auch, dass ich mehr meine Ruhe brauche, mehr ankommen will.

Ich sehne mich so sehr nach einem Gespräch mit mir unbekannten Menschen, neuer Input, für meinen Intellekt, für meine schriftstellerischen Avancen. Gleichzeitig habe ich scheinbar völlig verlernt, einfach nur Small Talk zu führen.

Heute kam mir der Gedanke, dass ich wegen der Maske ja auch gar nicht mehr meine Gesichtszüge bewegen muss, zumindest unterhalb der Augen, da bin ich wirklich faul geworden. Klar, wenn ich jemanden anlache unter der Maske, dann mache ich die Augen groß und ziehe die Brauen nach oben. Es kommt mir aber oft so vor, als würde ich lediglich meine obere Gesichtshälfte einmal schrumpeln, all meine neuen und alten Falten herzeigen, und was hat das denn für einen Sinn. Deswegen bin ich jetzt mimikfaul, und das ist nicht gut für ein Gespräch mit neuen Leuten und ohne Maske. Richtig eingerostet bin ich. Jedes Mal, wenn ich in letzter Zeit auf einen halbwegs Bekannten getroffen bin und wir kurz gesprochen haben, habe ich mir danach gedacht, wie komisch hast du dich denn jetzt verhalten und was hast du überhaupt gesagt? Die Selbstgespräche nach dem eigentlichen Gespräch – wer kennt sie nicht. Am besten noch unter der Dusche. Aber da sing ich zur Zeit.

Ich habe mich so sehr eingeigelt, dass es mir manchmal sehr schwer fällt, da wieder rauszukommen. In den letzten zwei Jahren habe ich mich außerdem mit Arbeit zugehäuft, immer beschäftigt sein, immer irgendein Projekt in der Hinterhand haben, ja keinen Leerlauf. So konnte ich dieses Nichts um mich herum, die erdrückende Ungewissheit, diese ständig wachsende und sterbende Hoffnung besser ertragen.

Mich auf neue Leute einzulassen hat mir immer Spaß gemacht. Sie zusammenzubringen, Treffen zu organisieren. Doch beim letzten Mal, wo es doch so gut angefangen hat, ist es nicht schön geendet, und das wegen dieser vermaledeiten Pandemie. Unterschiedliche Herangehensweisen führten zu einem radikalen Schnitt, der meinetwegen nicht permanent gewesen sein müsste. Seitdem habe ich mich noch schwerer getan, mich auf neue Leute einzulassen, weil ich unsicher geworden bin. Ich kann meine Energie nicht für neue Leute verschwenden, die im nächsten Augenblick wegen einer Meinungsverschiedenheit keinen Kontakt mehr haben wollen.

Ich brauche meine Energie, um mit dieser ganzen Situation klarzukommen. Mit allem. Wie gern würde ich oft einfach wieder in den Mutterschoß zurückkriechen, und am Anfang der Pandemie habe ich genau das getan. Einfach im Elternhaus vor der Welt verstecken, es ist so wunderschön und einfach. Aber leider keine Lösung.
Während wir im Homeoffice sitzen, können wir nur die Nachrichten aus der Welt lesen, die von immer schwieriger werdenden Zuständen berichten, von 160 Millionen Menschen mehr in Armut, von reicher werdenden unfassbar Reichen; die einen bauen sich die größten Jachten der Welt und lassen dafür historische Brücken abbauen, die anderen verhungern zur selben Zeit millionenfach. Wie soll man das alles ertragen, ohne nicht absolut zu verzweifeln?

Ich suche mir nun mein nächstes Projekt, vielleicht ja das, das ich schon seit Jahren umgehe. Wenn es wieder möglich ist, will ich mir auch neue Gruppen von Menschen suchen, mit diesen Leidenschaften austauschen, entwickeln, ausprobieren. Die Hoffnung wächst immer wieder aus vermeintlich toter Wurzel, ein zartes Pflänzchen, das ich hege, und bei dem ich auch dieses Mal hoffe, dass es groß und stark wird. Man kann nie wissen, und jedem Anfang…

(Halle, 06.02.22)