Doppelter Boden (II)

Ich ahnte, das kleine Menschlein würde mich früher oder später heimsuchen. Also blieb ich über Nacht lieber bei einer Freundin. Am nächsten Tag musste ich aber in meine Wohnung zurück, weil ich dort etwas für meine Arbeit vergessen hatte.

Als ich in die Küche ging, stand es vor mir. Oder besser sie, denn jetzt bemerkte ich, dass es eine Frau war. Ihre Haare sahen aus, als hätte sie Trockenshampoo im Übermaß benutzt, sie waren aschblond-grau und standen in alle Richtungen. Sie ging sehr gebeugt, ihre Gliedmaßen traf das Wort verhutzelt am besten, und ihre Lumpenkleider hingen an ihr lose herunter. Sie erschrak bei meinem Anblick und versteckte sich hinter einem der alten Kühlschränke. Oder war ich die, die sich versteckte?

Sie hatte mich erwartet. Im ersten Moment wäre ich gern schreiend davongelaufen, sie markierte hier immerhin ihr Revier. Doch sie tat nichts, sie beobachtete mich nur. Also ging ich in die Offensive, denn ich merkte, dass sie etwas wollte:

⁃ Haben Sie Hunger? Ich habe den ganzen Kühl- und Gefrierschrank voll, alles von meiner Vormieterin. Bitte.

Ich öffnete besagten Schrank und deutete mit einer lässigen Handbewegung von oben nach unten auf all die Tiefkühlschätze. Meine Vormieterin musste mit einer Pandemie oder einem Krieg gerechnet haben. Ein ganzes Fach war voller Erbsen, das andere voller Burger, das nächste enthielt fertige Reiberdatschi („Kartoffelpuffer“).

Die Augen der Frau leuchteten auf. Sie starrte vor allem auf die Erbsen. Ein Erbsenfan also. Ich nickte und sie griff sich so viele Packungen, wie sie nur tragen konnte, ich reichte ihr schnell eine Tüte. Da fiel mir ein:

⁃ Wenn ichs mir recht überlege, wär es viel schlauer, Sie kämen einfach hierher in diese Küche und nähmen sich, was Sie brauchen. Oder haben Sie einen Kühlschrank?

Sie antwortete nicht. Vielleicht hatte sie schon so großen Hunger oder sie hatte im doppelten Boden des Dachbodens verlernt zu kommunizieren. Oder ich projizierte meine Vorstellungen eines Menschen, der in einem 1,50 Meter hohen Raum hauste, auf sie. Gut möglich und sogar sehr wahrscheinlich, aber was sollte ich machen, mir war schließlich noch nie jemand wie sie begegnet. Mein Kopf fabrizierte ohne Unterlass Geschichten, und wenn ich nicht das Gegenteil davon direkt vor meinen Augen hatte, war für mich klar, dass sie auf ihre Weise wahr sein konnten.

Ich packte ihr noch ein paar der Burger ein, die mochte ich sowieso nicht. Gerade kam ich mir sehr wohltätig vor. Hallo, ich half immerhin einer armen alten Frau (Na gut, das Alter war überhaupt nicht erkennbar. Sie konnte Mitte 30 sein oder über 90, wirklich). Gleichzeitig sagte mir eine innere Stimme, dass das wohl gar nicht wohltätig war, selbstlos schon kein bisschen. Ich tat das, weil ich sie erstens zur Freundin oder besser nicht zur Feindin haben wollte, und zweitens, weil ich das Zeug im Kühlschrank eh nicht brauchte. Wie dem auch sei, die Frau vor mir war sowieso nicht gewillt, nur einen Funken Dankbarkeit zu zeigen, vielleicht, weil auch ihr bewusst war, dass darin keine Selbstlosigkeit lag, und weil sie es eh darauf angelegt hatte.

Sie beobachtete mich aus dem Augenwinkel bei meinem inneren Dialog. Als sie erkannte, welche absolute Harmlosigkeit ich darstellte, schloss sie den Kühlschrank, packte beherzt nach den zwei vollen Tüten und war im nächsten Augenblick in dem Loch im Boden dort hinten verschwunden.

Wie meine Geschichte mit meiner neuen Bekanntschaft weitergeht, weiß ich noch nicht. Man sieht sich bestimmt mal wieder, vielleicht erzählt sie mir dann etwas aus ihrem Leben. Bin schon gespannt drauf.