Dialog

Zum Glück habe ich seit damals einige Erkenntnisse dazugewonnen.

Kein innerer Kampf kann durch einen äußeren befriedet werden.

Mein Anliegen ist jetzt der Dialog. Immer erst reden und reden lassen. Das war auch meine Strategie auf der Suche nach den Unterirdischen Seen. Abwarten, die Dinge auf mich zukommen lassen, in entscheidenden Momenten handeln und mit so vielen Menschen wie möglich sprechen.

Der Dialog war etwas, was mir sehr am Herzen lag. Nur leider den wenigsten Leuten dieser Stadt, so schien es zumindest. Politische und gesellschaftliche Themen spalteten ganze Familien. An religiösen Feiertagen, wenn die verstreuten Familienteile zusammenkamen, mussten sich die Menschen zusammennehmen, um nicht über heikle Dinge zu sprechen, von denen sie wussten, dass diese den erzwungenen Frieden zerstören würden.

Die Bewohner redeten nicht mehr miteinander, aber beschimpften sich im elektronischen „Tribunetz“, jeglichen Anstand vergessend. Die Zeitungen, so schien es mir, förderten diese Spaltung – jeder Streit, jedes böse Gerücht verkauft sich immerhin besser als Harmonie.

Ich dachte damals oft an Józef Tischner, den Priester der Solidarność, dem der Dialog ebenfalls sehr am Herzen gelegen hatte. Für einen Dialog, so Tischner, mussten beide Seiten einen Schritt aus der eigenen Höhle wagen. Für die meisten Menschen die größte Hürde. Anzuerkennen, dass viele Menschen viele unterschiedliche Meinungen und nicht die gleiche wie man selbst hatten, war der nächste Schritt. Die Basis, auf der ein Dialog stattfand, war es, zu sehen, dass ein jeder Mensch auf seine Art litt. Das Leid des anderen sehen, zuzugeben, nicht alles zu wissen, dem anderen ein Recht auf die eigene Wahrheit zuzugestehen – das waren Dinge, die in dieser Stadt kaum jemand mehr konnte.

Eine weitere wichtige Sache für einen funktionierenden Dialog war nach Tischner eine gemeinsame Sprache. Wenn die einen Worte benutzten, die die anderen noch nie in ihrem Leben gehört hatten, wie sollte man sich da unterhalten?

Tischner ging es vor allem um die Arbeiter und deren Rechte. Eine solche Bewegung würde auch dieser Stadt guttun, das war mir schon lange klar, doch wie es der Bär schon erklärt hatte: Die Tribune hatten für eine gründliche Spaltung, aber auch für genug Brot und Spiele gesorgt, damit „die da unten“ gar keine Zeit und Lust auf eine Rebellion hatten. Wer hatte bei einer 40+-Stunden-Woche noch Energie auf die Straße zu gehen?

Manchmal wusste ich nicht, ob ich die Einzige war, die all diese Zeichen miteinander verband. Lebten alle anderen glücklich oder unglücklich in ihrem Hamsterrad oder ging es ihnen genauso, nur traute sich niemand, aufzustehen? Ich wusste ja nicht mal, ob ich wirklich den Mut hatte, allerdings stand bei mir auch noch nicht so viel auf dem Spiel. Noch konnte ich mich um mich allein kümmern, hatte niemanden zu versorgen und noch genug Erspartes.

Mein grundsätzliches Anliegen war natürlich nicht, allein für meinen Frieden zu sorgen. Allein mein eigenes Glück zu finden. Eigentlich dachte ich immer nur an alle anderen: Sie alle sollten aufwachen, lebendig, glücklich sein. Leben. Sich miteinander verbinden, tanzen, lachen, sich küssen, umarmen.

Alles, was das Leben eben so ausmachte, das wünschte ich ihnen.

Doch alles, was ich sah, waren traurige, geknickte Gestalten, die morgens zur Arbeit und abends nach Hause schlurften. Sich dort oder in einer Bar ein, zwei Drinks hinunterkippten, in eines ihrer technischen Geräte starrten und dann in einen traumlosen Schlaf fielen, bis das Ganze am nächsten Tag von Neuem begann.

Bei dem Gedanken schauderte es mich, mir wurde übel und ich geriet in Panik, wenn ich daran dachte, auch so leben zu müssen.

Bei meiner Suche nach den Unterirdischen Seen versuchte ich also, gemäß meiner Erkenntnisse und Forderungen zu leben. Ich versuchte, in den Dialog mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu treten, wobei dies nicht mit allen sehr leicht war. Bei manchen kam ich gar nicht zu Wort, war also gezwungen, mir jedes der ihren anzuhören – wie bei folgenden Begegnungen.

(ein Ausschnitt aus „Die Unterirdischen Seen“, einem unveröffentlichten Manuskript, bei dem ich ehrlich gesagt noch keine Ahnung habe, wie ich es weiter angehe)

Brutal brillantes Bild

Warum gerade alle so von „Squid Game“ fasziniert sind? Weil sie tief drinnen wissen, dass diese fiktiven Bilder ein perfektes Bild unserer Welt vermitteln.

Die Reichsten der Reichen spielen mit uns Spiele, sie versprechen demjenigen ewigen Reichtum, der dafür Opfer bringt. Für richtigen Reichtum muss man Opfer bringen, blutige, und wer zu nett ist, der kommt nicht weit. Auf dem Weg zum Jackpot, zum Sparschwein voller Geld, verlieren sich die meisten selbst, wie auch sonst, wenn man den besten Freund verraten muss?

Die meisten Menschen werden immer ärmer, und die wenigen dort oben langweilen sich und wetten auf die Toten. Die in den grünen Anzügen sind die Spielfiguren, doch das Beispiel des Polizisten zeigt, dass auch die Soldaten, also diejenigen, die die Grünen erschießen und verbrennen müssen, ebenfalls Gefangene sind, die abends in ihre Zellen zurückkehren. Ein elender Job wie jeder andere, bei dem getötet wird, wer nicht folgt oder zu neugierig ist.

Einige wenige nutzen ihre vermeintliche Position der Macht, sie machen aus ihrer Lage das Beste und weiden die Opfer, die sowieso schon tot sind, aus, verkaufen ihre Organe. Bei jeder grausamen Aktion gibt es Menschen, die diese zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen und sich an ihr bereichern. Kann man es ihnen wirklich verübeln?

Schwer erträglich ist die radikale, blutige Grausamkeit, das Gemetzel, das nichts verschönern oder verdecken will. So weh das Zusehen tut — es ist nur stringent, dies alles so zu zeigen.

Allerdings frage ich mich, warum manche Eltern dies ihre Kinder sehen lassen. Wäre es nicht so blutig und brutal und würden die Kinder die Metapher verstehen und daraufhin revolutionäre Gedanken entwickeln – bitte, alle sollten es dann sehen. Aber es fließt nun mal literweise Blut, man sieht Innereien und ständig werden Menschen erschossen — lasst also die Kinder Kinder sein, sie sollen noch von einer besseren, heilen Welt träumen können. Vielleicht helfen ihnen diese Traumbilder irgendwann tatsächlich, eine bessere Welt aufzubauen, denn früher oder später lernen sie die harte Realität nun mal kennen. Aber doch bitte nicht durch so eine Serie…

Aufstand der Herzen

Neulich las ich ein Interview mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann. Er warf eine äußerst interessante Frage auf. Was, wenn die überhandnehmende Volkskrankheit namens „Depression“ nicht an den Menschen, sondern am Zustand dieser Welt liegt? Wenn sie eigentlich Ausdruck einer tiefgehenden Gesellschaftskritik ist?

Denken wir diesen Ansatz weiter, ist nichts falsch mit uns, unsere Instinkte liegen richtig.

Sie erzählen uns, wir seien krank; sie stopfen uns mit Medikamenten voll, betäuben uns, während doch die wahre Medizin eine Veränderung des Zustands wäre.

Revolution, die Umwälzung der Gesellschaft, beginnt in den Körpern und Seelen der Menschen, so Aldous Huxley. Dessen sind sie sich genau bewusst.

Um wirklich gesund zu werden müssten wir die starre Verkrustung des Schweigens brechen, das sich über die Jahrzehnte in den Herzen der Menschen festgesetzt hat. Wir müssten das Ideal des Individualismus als Farce entlarven — Wesen der Gemeinschaft sind wir.

Es bräuchte wieder einen Aufstand der Arbeiter, doch solange sich niemand auch für die Billiglohnarbeiter aus und in anderen Ländern einsetzt, ist auch dieser ohne Sinn. Und wer setzt sich freiwillig für diejenigen ein, die unseren Wohlstand aufrecht erhalten? Sklaven sind wir alle, oder wie es bei „Moby Dick“ heißt: Wer ist denn kein Sklave? Wirklich frei ist letztlich nur, der da ist ohne Angst.

Sind diejenigen also, die unter Depressionen, Ängsten, Panikattacken leiden, die eigentlich Gesunden dieser Gesellschaft? Wie ließe sich angesichts des Zustands der Welt wahrhaftig froh sein und angstfrei leben? All die Liebe in euren Herzen nützt doch nichts, wenn ihr beständig auf Mauern stoßt. All die Liebe in einer entseelten Welt. Entseelung ist ansteckend und vererbbar, sie steckt tief in unseren Knochen. Wie sie also so einfach loswerden?

Jeder Akt der Liebe, jede Entscheidung gegen den Hass und für die Gemeinschaft ist eine Rebellion, ein Aufstand der Herzen.

(Halle, 08.05.2021, Fortsetzung folgt)