Zu viel Konjunktiv

Es ist frustrierend
beobachten zu müssen,
wie „die da oben“ agieren
gemäß dem Motto:
„nach uns die Sintflut“.

Ich erlebe so viel Verständnis,
Engagement, Solidarität, Toleranz,
Klugheit, Offenheit
unter uns Jungen.

Ach wie schön wär' die Welt,
wenn wir sie regierten.

Oder würden wir dann auch korrupt,
blind vor Ehrgeiz und Gier,
nur noch an die nächste Wahl denkend?

Alle Ideale über Bord werfend,
Geld und Macht macht geil,
keinen Gedanken mehr an diejenigen
verschwendend, denen es nicht so
gut geht wie uns.

Wer noch denkt, er kann mal
so wie unsere Eltern leben,
hat den Blick für die Realität verloren.
Es wird nie mehr so werden wie für die,
die unsere Chefinnen und Chefs sind,
die wir jetzt wählen müssen.

So viel Engagement, so viel Aktivismus,
und doch so wenig Hoffnung.
Die wächst in mir nur, wenn ich euch seh’,
unentwegt auf die Straße gehend,
euer Kampfgeist unberührt.

Warum kämpft ihr nicht für uns,
mit uns für eine Erde, auf der auch eure Enkel noch leben können?
Wer hat euch eigentlich erlaubt,
sich so charakterlos ungeniert
an die Spitze zu stellen,
hat euch denn niemand Demut und Bescheidenheit gelehrt?
Verliert man diese wertvollen Eigenschaften,
einmal den süßen Geschmack der Macht gekostet?

Ich träume von einer Welt,
in der „die da oben“ erkennen,
wieviel mehr Spaß es macht
anderen zu helfen
als nur sich selbst.




(Halle, 13.09.2021)

sie weigert sich

Warum sie aneckt: Sie weigert sich, auch nur ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie weigert sich, sich bescheiden auszudrücken, zu beschwichtigen. Sie weigert sich, auch nur einen Strahl ihres Selbst zu dimmen, um die Menschen, die doch ihr Licht suchen, weniger zu blenden.

Sie weigert sich zu sagen: Oh, das schreibe ich lieber nicht so, das geziemt sich nicht als Frau. Oh, lieber passe ich mich an, bin eine dieser Frauen mit weichen, kuscheligen Kurven, eine Liebeskugeln mit Löchern, die kann niemanden stören.

Sie weigert sich, nur einen ihrer Gedanken zu verstecken, aus Angst vor der Reaktion der Leute, aus Angst, Gefühle zu verletzen und gegen gegenwärtige Moralvorstellungen zu verstoßen. (Dabei, wie wir schon seit Friedrich wissen, befinden wir uns immer jenseits dieser, solange wir aus Liebe handeln. Oder mit Dopewalka gesprochen: Was interessiert mich die Moral, solang‘ die Liebe sich von selbst versteht. Das nur nebenbei.)

Nun, da ist also diese Frau, die sich erdreistet, in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen. Die sich erdreistet, das anzuziehen, was ihr gefällt, die sich andere Umgangsformen wünscht, die einfach eine ganz außergewöhnliche Figur darstellt. Sie polarisiert, und niemand weiß mehr damit umzugehen, wenn ein Mensch — und noch dazu eine Frau — derart geradlinig, selbstbewusst und anspruchsvoll ist.

Das ist sie auch in ihren Texten. Sie schreibt selbstvergessen und hochgradig aufrichtig, eine Bedingung für herausragende Literatur – und die ist in diesem unüberschaubaren Haufen an gedruckten Büchern und Autor(innen) selten.

Ja wie, sie will uns die Welt erklären, wie soll das denn gehen? Ein so junger Mensch, der hat doch noch nichts vom Leben gesehen. Sie gebärdet sich, als wär‘ sie ihre Großmutter, als hätte auch sie mindestens achtzig Jahre auf dem gekrümmten Buckel.

Muss man denn erst alt sein um zu wissen? Wissen nicht manche Kinder dieser Welt schon mehr vom Leben, haben mehr gesehen als die meisten Intellektuellen und Literaten hier im Land? Sind es denn die Jungen, die unsere Zukunft gefährden, weil sie der Glanz des Goldes mehr interessiert als das Glitzern der Sonne auf dem steigenden Meeresspiegel?

(Gedanken zu einer öffentlichen Person, über die gerade viel diskutiert wird. Die Zeilen über ihr Buch habe ich nach dem Lesen der ersten paar Seiten verfasst; nach fortgesetzter Lektüre würde ich dem nicht mehr zustimmen, ich war sogar gelangweilt von ihrem Stil, die Geschichte wurde dadurch nicht spannender, und auch ihr Wortreichtum wirkt irgendwann nicht mehr lustig, sondern konstruiert und deplatziert. So.)