Jetzt Desinteresse, später Denkmäler

Was nützen all die antirassistischen, muslimfreundlichen Bekundungen, wenn doch die eigentliche Rhetorik der Regierenden dahin geht, die zu uns Flüchtenden wie Ungeziefer, wie eine Plage von uns fernhalten zu wollen?

Es ist nicht erkennbar, dass Migranten egal welchen Jahrzehnts wirklich willkommen sind, wenn sie am besten doch „draußen“ blieben. Wenn jedes Kind, jede Frau zu viel ist, wenn sie ein „Problem“ darstellen, das in Talkshows und Zeitungskommentaren totdiskutiert wird. Alle Maßnahmen, die sowieso meist erst nach Anschlägen getroffen werden, sind reine Schönheits-OPs und oberflächliche Kurzzeitlösungen.

Aus historischer Perspektive — betrachten wir die Gegenwart aus zukünftiger Sicht — werden wir irgendwann mit tiefer Scham und Schuldgefühlen zurückblicken. Wir werden uns fragen: Wie konnte es soweit kommen? Wie konnten wir einfach zusehen, wie Hunderttausende Menschen aus der Not heraus zu uns fliehen wollten und wir sie entweder auf der anderen Seite von schnell hochgezogenen Mauern und Zäunen in der Kälte erfrieren oder im Meer ertrinken ließen. Wir sie lieber in Lager in Libyen und Marokko schickten — aus den Augen, aus dem Sinn und dem europäischen Kontinent. Wenn eigentlich klar war, was in diesen Lagern passierte – warum hat keiner reagiert? Warum hat keiner etwas unternommen?

Derweil führten wir Debatten darüber, ob man jetzt Schiffe zur Rettung losschicken sollte oder nicht. Lasst uns Schere, Stein, Papier um Menschenleben spielen.

Wir bauen Denkmäler, Mahnmale, sagen „nie wieder“ — doch was hilft es den Toten jetzt?

(geschrieben nach dem Anschlag von Halle am 9.10.2019)