Alle Weisheit der Welt

Ich kann alle Weisheit der Welt in diese Zeilen stecken und du kannst sie hundertmal lesen, doch wofür. Du kannst sie verstehen, aber nicht wahrhaft sehen, denn nur wer selbst erlebt und eigene Erfahrungen macht, weiß, was sie bedeuten.

Du kannst alle Bücher der Welt gelesen haben, aber solange du nicht lebst, d.h. dich selbst der Welt dort draußen aussetzt, durch Höhen und Tiefen gehst, verletzt wirst, heilst, liebst, weinst, kann kein Buch der Erde dir echte Weisheit verleihen.

Du magst alle diese Worte verstehen, sie ergeben Sinn, sind logisch oder schön, du kannst sie wiedergeben. Aber solange du nur fremde Worte wiedergibst und nicht deine eigenen, solange bleibst du an der Oberfläche und ahnungslos. Finde deine eigenen Worte für deine eigenen Erlebnisse, Empfindungen, Entdeckungen.

Du liest, um nicht alles selbst erleben, um nicht jeden Fehler selbst machen zu müssen. Doch einige musst du selbst machen, um wirklich daraus zu lernen.

Du kannst Dingen, die du fürchtest, lange aus dem Weg gehen – eines Tages holen sie dich jedoch ein, und sei es im nächsten Leben. Du wirst so lange daran leiden, sie werden dich so lange verfolgen, bis du stehen bleibst und dich ihnen stellst. Sprich mit ihnen und vielleicht erkennst du ja, dass ihr Schatten größer als sie selbst war.

[Halle/Saale, 2.1.23]

Ein Mensch, yippie

Wer bin ich ohne meine Fähigkeit zu denken? Wenn ich nichts „leisten“, nicht „produktiv“ sein, nicht „funktionieren“ kann? Wer bin ich dann? Traurig, dass ich das so sehr verinnerlicht habe, obwohl ich diese „Leistungsgesellschaft“ doch so kritisiere (tja, die Welt ist ein Spiegel, unbewusst missfiel mir wohl diese Seite an mir selbst)…

Long Covid hat mir das genommen, wovon ich dachte, dass es mich ausmacht: Kreativität, Denken, Schreiben, Lesen, Organisation, Zeitmanagement (meine Stärken laut Lebenslauf). Wer bin ich ohne sie?

Ich bin ein Mensch, yippie. Ich atme, sehe, rieche, schmecke, höre, fühle. Ich liebe. Ein Wunder. Was wir erschaffen haben, was wir mit eigenen Händen bauen und was die Natur uns gegeben hat. Meine Träume, ein eigenes Reich, ein Ausflug in andere Dimensionen. Wunder, für selbstverständlich genommen, lästig. Zu viel des Guten, kein Maß gefunden, unsere Gabe grenzenlos wird unser (aller?) Unglück.

Wie meditativ, achtsam jeden Schritt zu gehen, weil sonst zu schnell und viel und ungut. Öftermaliges Hinterfragen dieser Gesellschaft, in der „langsam“ nicht geht und gleichzeitiges Denken an 1000 Dinge unabdingbar ist. Annehmen dieses Zustandes, in dem ich weniger denken und mich sorgen kann als sonst – auch nicht schlecht.

So, Konzentration aufgebraucht, bitte weiterdenken für mich.

Luftleeres Nichts

Wieder zu viele Bilder gesehen.
Diese Welt, in der alles so schön erscheint,
die nicht ist, nur in Deiner Vorstellung,
tausendfach Eindruck und Erinnerung;
sie ist nicht, was ist,
ist jetzt, hier, atmen,
das kalte Zimmer, Müdigkeit, Langeweile, Angst, der Geschmack von Marzipankugeln im Mund.

Meine Unsicherheit gegenüber anderen,
die vermeintlich keine Zweifel haben,
voll bei sich und in ihrem Element,
ganz sie selbst sind;
ich beneide diese Leute,
fühl mich klein vor ihnen,
werde zu meinem eigenen Schatten,
nicht ich selbst;
wer will schon mit einem Schatten befreundet sein,
hat ja jeder schon seinen eigenen.

Wie kann ich ich sein,
wenn mir der Raum dazu fehlt,
mich selbst zu verwirklichen,
wenn ich nicht weiß,
wo dieser Raum ist;
ich boxe in das luftleere Nichts,
das meine Schreie verschluckt.

Ich bewundere die Menschen,
denen ich ein gesundes Selbstwertgefühl andichte,
die schön sind und attraktiv und cool,
weil sie wissen, wer sie sind
und zu ihren Eigenheiten stehen;
manchmal kann ich das auch,
manchmal vergleiche ich mich noch zu oft,
manchmal lebe ich zu sehr in der Vergangenheit;
Ausgrenzung ist der Tod des Selbstwerts,
(damals war es wirklich unser Tod).

Meine Zeit kommt noch,
sagt meine Liebe und
die Stimme während der Meditation,
und wenn sie kommt, dann richtig.
Jeder lebt in seiner eigenen Zeitspur,
es gibt kein Muster und kein
Wahr oder Falsch,
keinen Zeitplan, der erfüllt werden muss.

Es gibt nur dich, jetzt, atmen,
mehr weißt du nicht und musst du nicht,
Freiheit ist, nicht zu wissen, was kommt, und dann:
Alles ist möglich.

(Halle, 10.10.2022)

Augustsommernacht

Am Horizont dröhnt und kracht es, so stelle ich mir die Geräuschfront eines Krieges vor. Was, wenn der Krieg schon längst vor unserer Haustür ist? Was, wenn diese Stadt eigentlich die ganze Welt darstellt und alles, was wir in der Zeitung lesen, sich nur auf sie bezieht?

Kann gar nicht sein, wir waren doch gerade erst außerhalb, sind nach Bayern gefahren. Oder war das ein Traum?

Was, wenn alles, was wir vermeintlich außerhalb der Stadt erleben, nur ein einziger Traum ist? Die Jahre davor, das Studium in der anderen Stadt, meine Kindheit – Traum. Das Leben beginnt erst mit Übertritt in diese Stadt. Dann verstünde ich, warum mir die Jahre davor viel froher und unbeschwerter erscheinen.

Es war nur ein Traum.

Vielleicht fahre ich bald mal länger weg, nur weg von hier, meinen Ängsten und Zweifeln davon. Kann ich dem Leben entfliehen und für immer träumen? Ist das dann noch Leben? Oder befinde ich mich bei Übertritt in einer Starre, eingefroren, bis ich entscheide, aufzuwachen?

Ich bin oft sehr müde zur Zeit. Warum die ganze Mühe, wenn schlafen doch viel einfacher ist? Wenn im Traum viel mehr passiert als im Wachzustand in dieser Stadt?

Die Zeitungen gaukeln uns tägliche Ereignisse vor. Doch ereignet sich deshalb in unserem ganz eigenen Leben mehr? Was sie auch bewirken: Hoffnungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Scham, Wut (wenn ich es zu nah an mich heranlasse). Und das durch Dinge, die in diesem Augenblick nichts mit mir zu tun haben. Die vielleicht nur in der Traumwelt stattfinden, wenn überhaupt. Lieber nicht zu viel lesen.

Mitternacht, ich öffne das Fenster, es ist laut für diese Uhrzeit. Grillen zirpen, aus mehreren Wohnungen Action-Film-Geräusche, hinten am Horizont die Autobahn, Lastwagen an Lastwagen, Feuerwehrsirene. Am Firmament der große Wagen, Cassiopeia, eine Sternschnuppe. Auf der Couch schläft meine Liebe, psst, leise lege mich dazu. Mal sehen, was meine Träume heute offenbaren.

Licht und Schatten

Ich glaube an die Liebe, 
egal in welcher Form. 
Ich glaube an mich.
 
Verzeih mir, bitte,
meine hässlichen Fratzen 
des Neids, der Eifersucht, 
wenn sie mich umnebeln, 
mich erblinden lassen, 
meine hässlichen Worte, 
das bin nicht ichich. 

Das ist das Kind in mir, 
das sich nach Liebe sehnt, 
das nicht ausgeschlossen, 
das nicht wie ein Kind behandelt werden will, 
das nichts zu wissen braucht, 
das eh noch nichts versteht. 

Ich bin die Liebe, 
doch jedes Licht erzeugt umso größere Schatten, 
je näher man ihm kommt. 

Diese hässlichen Worte der Fratzen
verletzen vor allem mich, 
weil ich damit immer nur die Menschen, 
die ich am meisten liebe, 
von mir stoße.

Überall Feinde: 
Ich zücke das Messer, versuche sie abzuwehren - 
tiefe Wunden in der eigenen Haut. 
Ich werfe das Messer, versuche sie zu treffen, bevor sie zu nahe kommen, siehe, sie haben ihre Messer schon erhoben - 
und nur mein eigenes Spiegelbild zerbirst. 
Wie der verletzte Löwe greife ich an - und werde am Ende selbst gefressen.

Du bist so nah wie niemand und doch so fern, durch dich werden meine Wunden offenbar, und nur durch dich können sie heilen. 

Ich bin das alles und auch nicht, du weißt es und auch ich, 
aber ich vergesse mich und es bisweilen... 

(Halle/Saale, 17.06.2022)

P.S.: Inspiriert durch Rumi: „Eine Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.“

Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt

 Ich liebe Dich  
 Es warst immer nur Du, 
 in jedem, den ich jemals geliebt,  
 ein Teil von Dir.   
 
 Wie Schleier von den Augen  
 fiel mir die Erkenntnis:   
 Das alles bist Du.  
 Warum nur dann  
 liebst Du mich nicht
 auf gebührende Weise?  
 
 Die vielen Stimmen in meinem Kopf,  
 schreien durcheinander:
 Das hast Du aber anders gelernt!  
 Meine Augen blicken in Deine,  
 endlich,
 so tief und unergründlich. 
  
 Ich lege den Spiegel weg und weine bitterlich. 
 Wie befreiend. 

  
   
(Halle, 16.09.2019) 

Die Patientin

Was für einen seltsamen, wunderschönen Traum ich heute hatte. Alles war anders, beängstigend, da wir an unseren jetzigen Zustand gewohnt sind.

Wieso fällt es uns so leicht, uns vorzustellen, wie alles immer nur schlimmer wird? Wir denken: Ach, ist doch alles in Ordnung, so wie es ist, uns geht‘s doch gut. Ja, so gut, dass wir eben nicht ins Krankenhaus müssen. Aber eigentlich krankt es an allem, zu unspezifisch für jeden Arzt, denn wo anfangen?

Da es uns gut geht, kann es ja nur schlimmer werden, oder?

Die meisten der inneren Organe sind schon lange krank, aber sie funktionieren noch in unserem Sinne. Lange haben wir nichts davon bemerkt, weil es sich nicht an der Oberfläche, unserer Haut, gezeigt hat. Doch immer mehr Irritationen tauchen in letzter Zeit auf, unheilbar, weil tiefere Ursachen. Bisher lassen sie sich kurzfristig überdecken, aber wie lange noch? Machen wir weiter wie bisher, bis wir von innen abgestorben und nicht mehr zu retten sind?

Jahrelang hat man uns eingeredet, dass wir uns alles nur einbilden, dass genau das ein gesunder Zustand ist. Weil wir Jahre, ja Jahrhunderte lang mit der Behandlung gewartet haben, zwickt und kneift es nun an immer mehr Stellen, der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Oder?

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Wir müssen mehr über Utopien nachdenken. Wie könnte eine bessere Welt in Zukunft aussehen?

Träumen ist wichtig.

Wer nicht weiß, wohin er gehen will, bleibt stehen, verirrt sich. Bewegungen sind nur möglich, wenn man Menschen unter einer gemeinsamen Hoffnung vereint, wenn man ein Ziel vorgibt, in dessen Richtung zu gehen sich lohnt.

Träumt mit mir!

In nächster Zeit folgen hier weitere Texte zum Thema Utopie – Wie könnte unsere Welt aussehen?