Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis drehte, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spass, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und nicht mehr aufsteht. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss irgendwas noch kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprochen hat. Das weiß ja sowieso schon immer alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja sonst langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

Du meine Sonne.

Leben fühl' ich, wenn wir zusammen sind. 

Wenn wir Haut an Haut, Mund auf Mund liegen, 
wenn wir uns spüren, riechen, schmecken, 
wenn unsere Finger und unsere Augen sich ineinander verhaken,
wenn wir reden, lachen, schweigen.

Du meine Sonne.

Bist du wirklich oder nur einer meiner schönen Träume?

Einen solchen hatte ich noch nie; wenn ja, dann lass mich nie mehr aufwachen, bitte...

Was hält Dich vom Fliegen ab?

– Ich liebe die Liebe. Jedes Mal bin ich voll und ganz dabei. Mit meinem ganzen Herzen, überzeugt von der Ewigkeit der Gefühle und der Großen Liebe. Alles nehme ich mit. Kein einziges Mal hält es lange. Was ist nur falsch mit mir?

– Falsch ist, diese Frage überhaupt erst zu stellen.

– Warum?

– Weil nichts mit Dir falsch ist, Du könntest wahrer nicht sein. Denn Deine Wahrheit ist Deine Freiheit.

– Okay, jetzt will ich das aber genauer wissen.

– Du bist frei, Du liebst, Du lachst, Du gibst, Du nimmst – Du lebst, alles gebend, nichts einfach so hinnehmend, keine Fesseln akzeptierend, keine Kompromisse. Wer ist freier als diejenige, die sich vom Ich befreit hat?

Liebe ist alles, was wir jemals brauchen. Sie kommt und lässt Dich sehen, fliegend über allem Irdischen, allen Hülsen, allen Kategorien des menschlichen Seins. Doch zieht sie sich zurück einem Schmetterling gleich, der nicht mehr fliegen kann, wenn Du seinen Flügeln zu nahe kommst. Du hast Dich vom Kokon befreit, Deine mächtigen, bunten schönen Flügel ausgebreitet. Was hält Dich vom Fliegen ab?

abgrundtief

Deine Freundin ist in den Abgrund gefallen, und ich bin nicht traurig.

Da ist dieser tiefe Schlund inmitten unseres Hauses, und niemand weiß, woher dieser kommt. Wer einen Stein hineinwirft, hört keinen Aufprall.

Und jetzt ist deine Freundin hineingefallen und das versetzt mein Herz in Aufregung. Was ist nur falsch mit dir? Einen deiner Freunde hast du mitgebracht. Ihr trauert.

Ich blicke in das Loch im Boden solange, bis eine Stimme in mir warnt: Und der Abgrund schaut zurück. Mein innerer Friedrich ist immer für mich da. Die gierigen Blicke des Schlunds ziehen mich aus, verschlingen und verdauen mich, ich drohe nachzugeben und mich fallen zu lassen.

Nur mit ihr aber, Hand in Hand, würde ich hineinspringen und mich ganz dem hingeben, was da kommen mag.

Was hält mich noch ab?

lieben und lernen

Gott ist Liebe ist in meinem Herzen. Wenn ich mit Gott, Jah, Allah, dem Universum, dem Schicksal, dem Göttlichen spreche, spreche ich eigentlich mit meinem Selbst. Meinem Herzen, das mir die richtigen Antworten gibt.

Der Ruf, dem ich folge, stammt aus meinem Innersten, meiner Seele, meinem Selbst. Was ist dieses Selbst? Der Begriff ist zu theoretisch, zu philosophisch, die meisten können nichts damit anfangen. Es ist dein Herz, die Liebe, in der du aufgehst, wenn du alles, was dein Ego ist, alle Stimmen in deinem Kopf, ausschaltest. Es ist, was zurückbleibt, wenn du den Kopf ausmachst und dich vom Herzen leiten lässt.

Wie ich unterscheiden kann, was der Kopf und was das Herz sagt? Alles, was mit Angst zu tun hat, entstammt dem Kopf. Dein Herz kennt keine Angst. Angst und Liebe sind die beiden Pole, zwischen denen sich der Mensch manchmal zerreisst.

Was ist mit Angst gemeint? Aus ihr stammen alle negativen Gefühle wie Hass, Zweifel, Neid, Eifersucht. Alles, was mit dem Ego zu tun hat, also alles, was uns jemals erzählt worden ist, wer wir sind. Alle Identitäten. Alle Ideologien.

Zur Ideologie wird, wenn wir etwas nicht mehr als eine unter vielen Möglichkeiten der Darstellung und Betrachtungsweise sehen, sondern als die einzige Betrachtungsweise, als die Wahrheit, durch die wir die Welt sehen. Dieser Filter hat zur Folge, dass wir die Welt nicht mehr unvoreingenommen sehen, sondern schwarz, weiß, blau, grau, rot — durch unsere Ideologie hindurch. Wir sehen nicht mehr, wir interpretieren. Wir erzählen Geschichten über das, was wir sehen, wir denken, wir nehmen an, wir vermuten, wir kennen das doch.

Liebe ist Freude darüber, lieben zu dürfen. Liebe ist Freude über die Existenz. Liebe ist nie endende Freude. Sobald die vermeintliche „Liebe“ etwas will und fordert, handelt es sich nicht mehr um Liebe. Es ist das Ego, das nach der Füllung von jedweden Lücken schreit. Liebe will nicht, fordert nicht. Liebe gibt, Liebe hat. Liebe ist.

Wenn wir also aufhören zu erzählen, und anfangen zu sehen, ist das der erste Schritt zu nichts weniger als dem Weltfrieden. Wenn wir anfangen, uns mit allem, was uns ausmacht, zu akzeptieren und zu lieben.

Was macht uns aus? Natürlich auch der Kopf und die Angst und all die Muster darin, das ist nicht weniger als das rein Menschliche. Zu erkennen gilt es jedoch, dass das nicht wir sind. Meine Erfahrungen, Erinnerungen, Ängste bin nicht ich. Mein Körper, meine Religion, meine Herkunft – bin nicht ich.

Es hat alles einen Sinn, warum wir in einen bestimmten Körper in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit geboren werden.

Herauszufinden, was dieser Sinn ist, und sich von den äußeren Umständen mental zu befreien, mag einer der härtesten Schritte sein, aber auch derjenige in die richtige Richtung. Wozu bin ich hier?

Um zu lernen. Um zu lieben.

(Halle, 01.08.2020)

Im Kreis

Ein schwarzer Punkt unter meiner Lampe. Ich beobachte sie von meinem Bett aus. Schon wieder hat es eine in den mysteriösen Sog unter meinem Leuchter gezogen, sie kommt so schnell nicht mehr los. Welche Kräfte da wohl wirken?

Sie fliegt im Kreis oder eher in einem Acht- bis Zwanzigeck. Sie stößt immer wieder an die Mauern ihres Gedächtnisses, immer wieder kommt sie an den Punkt, an dem sie sich entscheidet nach links zu fliegen, wieder und wieder. Immer wieder vergisst sie, welchen Weg sie schon genommen hat, woher sie gekommen ist, und dass sie dort nie weiterkam. Nach einigen Achtecken Richtungswechsel. Oh, ein ganz neuer, unerschlossener Weg! Und die Mauer, und nach rechts, und die Mauer, und wieder nach rechts. Und doch immer nur im Kreis.

Manchmal schafft sie es auszubrechen, hinaus in die Freiheit durchs Fenster oder wenigstens durch die Tür in ein anderes Zimmer. Was mit ihr dann geschieht, weiß ich nicht. Vielleicht fliegt sie dort auch im Kreis, vielleicht verwandelt sie sich dort und bricht aus dem Kreislauf ihres Fliegenlebens aus. Vielleicht verwirklicht sie sich selbst? Es gibt keine Beweise, und um ihr zu folgen, müsste ich schon aufstehen.

Manchmal bleibt sie am Essen kleben, vergisst dann alles um sie herum. Genauso funktionieren Fallen, süß und klebrig, tödlich.

Meistens lebt sie nur einen Tag, und was macht sie damit? Sich fortpflanzen, im Kreis fliegen. Hat sie ein Ziel? Vielleicht, aber sie vergisst es, kennt es nicht. Oder sie verliert es aus den Augen. Das Ziel der meisten ist sich fortzupflanzen, die eigene Art zu erhalten. Würde sie den Sinn ihres Lebens entdecken, wenn sie länger lebte? Wenn sie sich anstatt auf das Süße, Klebrige auf sich und ihren Weg konzentrierte? Vielleicht.

Und manchmal ist sie so richtig lästig, sie fliegt immer wieder zu mir, auf meinen Kopf, meine Lippen, meine Schultern und Füße. Dann habe ich das Gefühl, sie will mir etwas sagen, sie hat mich gefunden und lässt mich nie wieder los. Liebe Fliege, das wird nichts in diesem Leben. Ich hoffe, du findest dein Glück, brichst aus, findest die wohlschmeckendste Speise der Welt. Mach was aus diesem Tag, aber bleib mir jetzt vom Leib, lass mich in Ruhe.

Hat sie mich verstanden? Sie fliegt weiter im Kreis. Einen kurzen Blinzelmoment nicht aufgepasst – und sie ist wie vom Erdboden verschwunden.

(Halle, 01.06.2020)