Der letzte Zug

Im Rückblick erscheint mir jene Zeit wie das Warten auf den Zug, der niemals kommt, und wie der andauernd scheiternde Versuch, diesen Zug zu erwischen. Das mag sich auf den ersten Blick widersprechen, diese Zerrissenheit fühlte sich jedoch genau so an. Ich wusste damals noch nicht, was mich nach dieser seltsamen, anstrengenden Zeit erwartete, ich wusste nur, dass es besonders war. Geduld ist das Annehmen der Parameter der Aktualität, wie mir ein kluger Mensch einst mitgab. Diese Parameter richteten sich zu jener Zeit gegen mich, wer weiß, zu welchem letztendlichen Zwecke. Ich schaffte es nämlich nie pünktlich zum Bahnhof. Immer wieder blieb ich zu lange bei meiner Familie oder alten Bekannten, so dass ich den letzten Zug oder Bus nicht mehr erreichte. Ich wusste zwar, dass es entweder jetzt oder nie an der Zeit war, doch ich schaffte es nicht, von diesen Menschen loszukommen.

Einmal sollte mich meine Familie abholen, wir waren zuvor in einer Art Urlaub gewesen, ich erinnere mich nur verschwommen. Sie fuhren mich zum Bahnhof, weil mein Bus dorthin nicht gekommen war. Im großräumigen Auto, in dem meine Geschwister, Eltern und Großeltern saßen, war vorne über dem Rückspiegel eine Art Taxameter angebracht, das jedoch die Sekunden und Minuten, die bis zur Abfahrt meines Zuges verblieben, in einem Countdown ablaufen ließ. Ich empfand dies als sehr stressig, alle um mich herum nahmen es jedoch leicht und waren sich nicht meiner Dringlichkeit bewusst, diese Reise zu machen. Ich erinnere mich noch genau, dass ich auf dem Taxameter zwei Minuten ablas. Zwei Minuten, bis mein Zug kam. Und eine halbe Stunde Weg mit dem Auto dorthin. Ich wusste, es war zu spät, doch meine Mutter versicherte mir, wir würden es „locker“ schaffen, und, obwohl ich es innerlich besser wusste, beruhigte mich das seltsamerweise. Letztlich war meine Vermutung richtig, das war schließlich kein Traum, in dem unmögliche Dinge Wirklichkeit werden. Ich verpasste den Zug und trat meine Reise nicht an. Glaube ich zumindest, denn ich bin ja immer noch hier.

Ein anderes Mal besuchte ich eine alte Freundin. Es war lustig, andere Bekannte waren ebenfalls da, ich erinnere mich jedoch nur verschwommen an ihre Gesichter und Anwesenheit. Im Nachhinein verschwimmt bisweilen die konkrete Präsenz von Personen, zurück bleibt nur das Gefühl ihrer Energie. Wie ein Pflicht- oder Höflichkeitsbesuch fühlte sich dieses Fest an, zumindest gegen Ende, denn es war erneut die Zeit gekommen, in der ich den letzten Zug mit unbestimmtem Ziel nehmen musste. Dieses Ziel fühlte sich unbekannterweise vertraut, wie ein Zuhause an.

Diesmal war ich eine Stunde vom Bahnhof entfernt. Wenn ich ihn erwischen will, muss ich genau jetzt losgehen, sagte ich zu meiner Freundin. Ach, ist doch halb so wild, ich kann dich mit dem Motorrad hinfahren, wir brechen in einer halben Stunde auf, dann erreichst du ihn locker. Sagte sie und mischte sich wieder unters Partyvolk. Sie hatte nicht wenig Bier intus, als sie mir diesen Vorschlag machte, und das wusste ich innerlich, aber seltsamerweise beruhigte mich ihre bestimmte Ansage. Und während ich einerseits immer unruhiger wurde, verdrängte ich dieses Gefühl und versuchte mit den anderen Menschen Spass zu haben. Fühlen Sie diese innere Zerrissenheit auch? Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, diese Party war nichts für mich, diese oberflächlich feiernden Menschen, die ihre eigentlichen Vorhaben wegschoben, genau wie ich. Ich marschierte los in Richtung Bahnhof, ohne meiner Freundin ein Wort zu sagen. Ich wusste, sie hätte mich wieder zu beruhigen versucht. Wenn ich mich auf die anderen verließ, steckte ich für immer hier fest. Es war eine halbe Stunde vor Abfahrt, und ich wusste, ich würde zu spät kommen, aber ich musste es einfach versuchen. In meiner Erinnerung ist allein dieses Gefühl der Panik zurückgeblieben, aber auch des Ärgers über mich selbst, weil ich es doch immer wieder schaffte, mich von anderen von meinem eigentlichen Ziel abhalten zu lassen. Sollten sie doch feiern bis zum Morgengrauen, mein Weg war dies nicht, ich wollte hier nicht alt werden.

Habe ich es zum Zug geschafft? Ich bin mir nicht sicher, denn noch bin ich hier. Noch muss ich hier ausharren, warten, bis die nächste Gelegenheit kommt, oder bis das Warten endlich ein Ende hat. Ich weiß ja nicht mal, wohin mich diese Züge gebracht hätten. Ich werde es auch nicht erfahren. Wenn der nächste Zug kommt, werde ich die Chance nutzen und einsteigen. Wer weiß schon, ob ich sonst jemals hier wegkomme?

Über Boxen

Du bist eigentlich das Mädchen, das sich damals um nichts gekümmert hat außer um ihre Geschichten, ihre Welt, ihre Spiele, ihre Freunde. Die sich nicht gekümmert hat, was andere denken, die ihr Ding durchgezogen hat, auch wenn sie dann von anderen als „komisch“ bezeichnet wurde.

Damals hättest du Jemanden wie Dich gebraucht, der Dir gesagt hätte:

Hej, lass Dir niemals von irgendwem einreden, Du seist komisch, anders, seltsam, verrückt, nur weil Du genau so bist, wie Du bist. Wenn Du nicht in ihre Schemata passt, dann ist das nicht Dein Problem, sondern ihres, denn Du lässt Dich nirgendwo einordnen, zusammenpressen und in eine Box quetschen. Mach weiter so, bleib, wie Du bist, denn so und nur so ist es gut so.

Wenn Du nicht in die vorgefertigten Formen passt, dann ist das ein Glück für Dich! Dann baust Du Dir Deine eigenen Formen, oder schwimmst dazwischen und fliegst darüber, Dich nirgendwo niederlassend, damit sie Dich nicht einfangen. Du erkennst die Muster von oben und kannst sie beschreiben, was ein großer Vorteil ist, weil Du immer frei sein wirst, auch wenn Dich manchmal das Gefühl der Getrenntheit überkommt.

Diese augenblickliche, wehmütige Einsamkeit, wenn Du die Menschen dort unten zusammengepfercht in ihren Boxen siehst. Muss das nicht angenehm, bequem, gemütlich und warm sein? Vielleicht ist es das, aber vergiss nicht, das ist wieder nur eine Projektion von Dir, die sich aus Deiner momentanen Einsamkeit gebiert. Du weißt nicht, wie es denen da unten geht, jeder und jede hat ihre eigenen Probleme, niemand mit Kopf ist frei von Angst, jeder kämpft. Sei dankbar, dass Du dort oben fliegst, und wenn sich jemand zu Dir gesellt, sei noch dankbarer.

Du kommst aus einer Box, vergiss auch das nicht, und die anderen wollen Dich wieder in einer sehen, weil sie nur das verstehen. Die ganze Gesellschaft will Dich in einer Box sehen, weil sie nur das versteht, und weil sie gleichzeitig davon lebt. Wer darüber fliegt, kann nicht eingeordnet werden, nicht gemessen, nicht konsumiert und ausgesaugt.

Du bist nicht allein, Du bist immer Teil dieser Welt, die doch zusammenhängt, aber von verschiedenen künstlichen Trennwänden begrenzt ist, so dass der Austausch, die Kommunikation, die Verbindungen nicht mehr oder nur schwer spürbar sind.

Du da oben aber siehst die Trennwände, und daher weißt Du auch, dass sie künstlich und wir alle Eins sind.

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis drehte, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spass, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und nicht mehr aufsteht. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss irgendwas noch kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprochen hat. Das weiß ja sowieso schon immer alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja sonst langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

Du meine Sonne.

Leben fühl' ich, wenn wir zusammen sind. 

Wenn wir Haut an Haut, Mund auf Mund liegen, 
wenn wir uns spüren, riechen, schmecken, 
wenn unsere Finger und unsere Augen sich ineinander verhaken,
wenn wir reden, lachen, schweigen.

Du meine Sonne.

Bist du wirklich oder nur einer meiner schönen Träume?

Einen solchen hatte ich noch nie; wenn ja, dann lass mich nie mehr aufwachen, bitte...

Was hält Dich vom Fliegen ab?

– Ich liebe die Liebe. Jedes Mal bin ich voll und ganz dabei. Mit meinem ganzen Herzen, überzeugt von der Ewigkeit der Gefühle und der Großen Liebe. Alles nehme ich mit. Kein einziges Mal hält es lange. Was ist nur falsch mit mir?

– Falsch ist, diese Frage überhaupt erst zu stellen.

– Warum?

– Weil nichts mit Dir falsch ist, Du könntest wahrer nicht sein. Denn Deine Wahrheit ist Deine Freiheit.

– Okay, jetzt will ich das aber genauer wissen.

– Du bist frei, Du liebst, Du lachst, Du gibst, Du nimmst – Du lebst, alles gebend, nichts einfach so hinnehmend, keine Fesseln akzeptierend, keine Kompromisse. Wer ist freier als diejenige, die sich vom Ich befreit hat?

Liebe ist alles, was wir jemals brauchen. Sie kommt und lässt Dich sehen, fliegend über allem Irdischen, allen Hülsen, allen Kategorien des menschlichen Seins. Doch zieht sie sich zurück einem Schmetterling gleich, der nicht mehr fliegen kann, wenn Du seinen Flügeln zu nahe kommst. Du hast Dich vom Kokon befreit, Deine mächtigen, bunten schönen Flügel ausgebreitet. Was hält Dich vom Fliegen ab?

abgrundtief

Deine Freundin ist in den Abgrund gefallen, und ich bin nicht traurig.

Da ist dieser tiefe Schlund inmitten unseres Hauses, und niemand weiß, woher dieser kommt. Wer einen Stein hineinwirft, hört keinen Aufprall.

Und jetzt ist deine Freundin hineingefallen und das versetzt mein Herz in Aufregung. Was ist nur falsch mit dir? Einen deiner Freunde hast du mitgebracht. Ihr trauert.

Ich blicke in das Loch im Boden solange, bis eine Stimme in mir warnt: Und der Abgrund schaut zurück. Mein innerer Friedrich ist immer für mich da. Die gierigen Blicke des Schlunds ziehen mich aus, verschlingen und verdauen mich, ich drohe nachzugeben und mich fallen zu lassen.

Nur mit ihr aber, Hand in Hand, würde ich hineinspringen und mich ganz dem hingeben, was da kommen mag.

Was hält mich noch ab?