Am schönsten ist es am Fluss, wenn es regnet

Wenn ich nichts anderes höre als das meditative Prasseln der Regentropfen auf meinem Schirm. Wenn der Dunst die Natur hinter einen grauen Schleier zwingt. Fische springen in Schwärmen aus dem Wasser, als würden sie sich jedes Mal absprechen: Wer fängt bei eins, zwei, drei die meisten Fliegen? Mutter und Vater Graugans quaken ihre sieben Kinder durch die nassen Wiesen zurück ans Ufer des Flusses. Ein letztes Betthupferl vor dem Schlafengehen, und dann ab, ab in die Federn! Das Wasser des Flusses scheint stillzustehen, und die normalerweise so glatte Oberfläche schmückt heute ein Ringelmuster.

Entlang des Boulevards kein einziger Mensch. Die großen, alten Bäume neigen sich neugierig über mich, auch sie sind verwundert über diese kleine Person, die des regnerischen Abends noch alleine hier entlangschlendert. Sie sind interessiert, aber distanziert. Im Falle des Falles würden sie ihre großen holzigen Köpfe und Hände über mich halten, mich beschützen, da bin ich mir sicher.

Drüben auf der anderen Seite in toten Wipfeln sitzen und krähen sie. In Scharen, es ist ihr Wetter und ihre Uhrzeit. Wie so oft frage ich mich, warum diese Vögel es so lieben, in düsterem Wetter in großen Gruppen ihre Todesbotschaften hinauszuschreien. Sie künden an die Dunkelheit aus nackten, toten Bäumen. Der Tag ist tot, lang lebe die Nacht!

Doch bin ich am liebsten hier, allein in der Wildnis, wo ich nur sie höre und sonst nichts. Keine Krähe kann mich verschrecken, ob sie es wollte oder nicht.

In den Gassen meines Viertels jedoch blicke ich um mich, an jeder Ecke potentielle Gefahr, da Schritte, dort ein Husten, Blicke, Hände, breiter Gang. Dann wechsle ich die Straßenseite, gehe einen anderen Weg und schneller, die Meditation ist vorbei, ich will nachhause in die sichere Wärme zwischen bekannten Wänden.

Von drinnen beobachte ich jetzt den Regen, wie er seine Musik auf den Dächern und Autos fortsetzt. In mir macht sich wieder die Ruhe von vorhin breit, zufrieden schließe ich das Fenster. Ein bisschen kalt ist es doch.

Spiegelung

Der Kies knirschte mit seinen kantigen Zähnen. Schon wieder ein weiterer Besucher, schon wieder einer, der die flachsten Teile seines Selbst in einer raschen Drehung von hinten nach vorne, den Ellenbogen nach innen verdreht, die Hand mit dem Stein nach oben zeigend, möglichst oft über die stille Wasseroberfläche springen lässt.

Keine Sorge, sprach ich zu ihm.

So wie jede Woche? fragte er mich.

Voraussichtlich, nickte ich.

Wir waren beide keine Freunde von überflüssigen Worten.

Mit größtmöglicher Behutsamkeit überquerte ich ihn barfuß und setzte mich ans Ufer des Sees, der zehn Minuten mit dem Fahrrad von meiner Wohnung entfernt und für eine Stunde nun mein Zuhause war.

Wolkenlos der blaue Himmel über dem Wasser. Die Septemberwelt spiegelte sich darin, und je nach Wetterlage, je nach Einfluss von außen, kräuselte, überschlug und trübte sich die Oberfläche, die doch ansonsten so blitzblank sauber vor sich hin glitzerte.

Es ist dies ein Phänomen des Wassers, das doch eigentlich keinerlei Farbe besitzt, jedes Blau oder Grün oder Braun anzunehmen, das sich in ihm spiegeln will oder das sich ungefragt mit diesem vermischt. Hinzu kommen die Jahreszeitenfarben der Blätter, noch an den Bäumen oder auf der Wasseroberfläche schaukelnd gleich den Booten, die die Spannung für einen kurzen Moment durchtrennen.

Von Zeit zu Zeit schnappte ein Fisch nach einer Fliege. Vielleicht machte ihm auch das Springen Spaß oder er musste sich seines Daseins vergewissern, indem er für einen kurzen Moment sein gewohntes Umfeld verließ und nach Luft schnappte.

Wer wusste das schon.

Ich war die Letzte, die ihm ein Selbst-Bewusstsein absprechen würde. Manchmal zweifelte ich sogar an, dass wirklich ich außerhalb des Wassers war, und nicht der Fisch. Wir werden es wohl erst wissen, wenn wir am Ende auf dem Trockenen liegen, all dem entzogen, was wir vorher als Selbstverständlichkeit ansehen.

Derlei Gedankenexperimente und -höhenflüge leistete ich mir einmal in der Woche. Auszubrechen aus dem Hamsterrad des gedanklichen Alltags, das war es, was mir der See versprach – und gebrochen hatte er sein Wort noch nie.

Manchmal führte ich Gespräche mit einem der Reiher, die am Ufer entlang staksten, oder einem der Frösche, die mich mit ihren großen Augen und breiten Mäulern zuerst misstrauisch anglupschten und schließlich in breitem Vorarlberger Dialekt raunzten, was ich denn da eigentlich die ganze Zeit so dumm vor mich hin glotze. Richtig ernst meinten sie das allerdings nie, es war mehr das „leben und leben lassen“, um das sie fürchteten, und es daher mit ein paar liebevoll-groben Quaks sicherstellten. Mit der Zeit hatte sich eine Waffenruhe zwischen uns etabliert wie zwischen zwei Stammtischbrüdern, die einmal in einem etwas lauteren Wortgemenge ihre Grenzen festgesetzt hatten und fortan friedlich nebeneinander ihr wortloses Trinken pflegten.

Bisweilen setzte sich eine andere Menschenseele zu mir, das gleiche Bedürfnis nach der absoluten Stille des Wassers hegend, welche sich in gleichmäßigem Rhythmus tief in dein Herz schwappt. Der See spiegelte alle meine Launen wider, das war verrückt, das konnte ich mir gar nicht ausdenken: War es in mir grau und nebelig, lag auch auf dem Wasser ein feiner Dunst, der kaum das klare Nass darunter erkennen ließ. Herrschte in mir Frühling und Sonnenschein, so auch über dem See. Ich weiß, das klingt herbeigedichtet, künstlich, die Natur machte doch, was sie will. Wahrscheinlich waren wir eine Symbiose eingegangen, wir beeinflussten und spiegelten uns gegenseitig.

Die meisten dieser Seelen neben mir waren schon sehr alt, ohne große Einleitung begannen sie vom Damals zu erzählen, als die Bilder auf dem Wasser ihres Innersten noch heller, bunter, lebendiger waren, als die Gegend vom See lebte.

Ihre Worte wurden in mir zu riesigen, dunklen Drachen, die Feuer und Rauch aus ihren Rachen spien und die Ufer schwarz färbten, im Sommer die Wiesen, im Winter den Schnee; grauschwarz geriet die Landschaft ihrer Worte. Vielleicht lag dies aber auch daran, dass ich mir Vergangenheit grundsätzlich wie einen einzigen Schwarzweißfilm vorstellte.

Wer wusste das schon.

Diese Stunde am Wasser ist für mich der Opa, den ich nie hatte, ich lausche den Wellen und dem Wind und den Bäumen, den Vögeln und den Fischen und den Menschen, und sie erzählen mir ihre Geschichten von damals und heute. Wir schweigen und schauen, und ganz leise, bis nächste Woche, verabschieden wir uns dann.

Bis bald, knirscht der griesgrämige Kies lächelnd, und wartet geduldig auf seinen nächsten Gast.

Ein Gedankenspiel

Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.

Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.

Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?

Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?

Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.

(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)

(Halle, 18.05.19)