Zu viel Konjunktiv

Es ist frustrierend
beobachten zu müssen,
wie „die da oben“ agieren
gemäß dem Motto:
„nach uns die Sintflut“.

Ich erlebe so viel Verständnis,
Engagement, Solidarität, Toleranz,
Klugheit, Offenheit
unter uns Jungen.

Ach wie schön wär' die Welt,
wenn wir sie regierten.

Oder würden wir dann auch korrupt,
blind vor Ehrgeiz und Gier,
nur noch an die nächste Wahl denkend?

Alle Ideale über Bord werfend,
Geld und Macht macht geil,
keinen Gedanken mehr an diejenigen
verschwendend, denen es nicht so
gut geht wie uns.

Wer noch denkt, er kann mal
so wie unsere Eltern leben,
hat den Blick für die Realität verloren.
Es wird nie mehr so werden wie für die,
die unsere Chefinnen und Chefs sind,
die wir jetzt wählen müssen.

So viel Engagement, so viel Aktivismus,
und doch so wenig Hoffnung.
Die wächst in mir nur, wenn ich euch seh’,
unentwegt auf die Straße gehend,
euer Kampfgeist unberührt.

Warum kämpft ihr nicht für uns,
mit uns für eine Erde, auf der auch eure Enkel noch leben können?
Wer hat euch eigentlich erlaubt,
sich so charakterlos ungeniert
an die Spitze zu stellen,
hat euch denn niemand Demut und Bescheidenheit gelehrt?
Verliert man diese wertvollen Eigenschaften,
einmal den süßen Geschmack der Macht gekostet?

Ich träume von einer Welt,
in der „die da oben“ erkennen,
wieviel mehr Spaß es macht
anderen zu helfen
als nur sich selbst.




(Halle, 13.09.2021)

Jetzt Desinteresse, später Denkmäler

Was nützen all die antirassistischen, muslimfreundlichen Bekundungen, wenn doch die eigentliche Rhetorik der Regierenden dahin geht, die zu uns Flüchtenden wie Ungeziefer, wie eine Plage von uns fernhalten zu wollen?

Es ist nicht erkennbar, dass Migranten egal welchen Jahrzehnts wirklich willkommen sind, wenn sie am besten doch „draußen“ blieben. Wenn jedes Kind, jede Frau zu viel ist, wenn sie ein „Problem“ darstellen, das in Talkshows und Zeitungskommentaren totdiskutiert wird. Alle Maßnahmen, die sowieso meist erst nach Anschlägen getroffen werden, sind reine Schönheits-OPs und oberflächliche Kurzzeitlösungen.

Aus historischer Perspektive — betrachten wir die Gegenwart aus zukünftiger Sicht — werden wir irgendwann mit tiefer Scham und Schuldgefühlen zurückblicken. Wir werden uns fragen: Wie konnte es soweit kommen? Wie konnten wir einfach zusehen, wie Hunderttausende Menschen aus der Not heraus zu uns fliehen wollten und wir sie entweder auf der anderen Seite von schnell hochgezogenen Mauern und Zäunen in der Kälte erfrieren oder im Meer ertrinken ließen. Wir sie lieber in Lager in Libyen und Marokko schickten — aus den Augen, aus dem Sinn und dem europäischen Kontinent. Wenn eigentlich klar war, was in diesen Lagern passierte – warum hat keiner reagiert? Warum hat keiner etwas unternommen?

Derweil führten wir Debatten darüber, ob man jetzt Schiffe zur Rettung losschicken sollte oder nicht. Lasst uns Schere, Stein, Papier um Menschenleben spielen.

Wir bauen Denkmäler, Mahnmale, sagen „nie wieder“ — doch was hilft es den Toten jetzt?

(geschrieben nach dem Anschlag von Halle am 9.10.2019)