Du meine Sonne.

Leben fühl' ich, wenn wir zusammen sind. 

Wenn wir Haut an Haut, Mund auf Mund liegen, 
wenn wir uns spüren, riechen, schmecken, 
wenn unsere Finger und unsere Augen sich ineinander verhaken,
wenn wir reden, lachen, schweigen.

Du meine Sonne.

Bist du wirklich oder nur einer meiner schönen Träume?

Einen solchen hatte ich noch nie; wenn ja, dann lass mich nie mehr aufwachen, bitte...

Die Hochzeit

Meine Eltern und meine Brüder sind da. Fröhlichkeit liegt in der Luft, Lachen, Lockerheit. Plötzlich zerren sie aus einem Paket ein weißes Kleid. Freie Schultern, feiner Schleier. Mein Alptraum eines Kleides, aber doch stilvoll. Auf einen schlechten Scherz hoffend, frage ich noch, ob einer meiner Brüder jetzt endlich das passende Outfit gefunden hat. Doch irgendetwas stimmt nicht, ich ahne es, die Blicke sind so erwartungs- und spannungsvoll. Die nächsten Momente erscheinen mir wie Photographien, die ich betrachte, aber mit denen ich nichts zu tun habe. Und gleichzeitig bin ich in ihnen, erlebe die abgebildeten Szenen, bin in meinem eigenen Film.

– Du heiratest heute – verkündet mein Vater. Begeistert oder auch nur voller Schalk seine Augen, offen sein Mund, nach der erwarteten Reaktion heischend.

Ich antworte nicht. Zu oft wurde ich schon auf den Arm genommen.

Das nächste Photo.

Ihn soll ich heiraten. Guter Witz.

Ich beschließe, zu protestieren, denke mich große Reden schwingend. Mir wird langsam heiß hier, denn ich bemerke den Ernst der Lage und meiner Eltern. Nein, ich reagiere nicht ihren Erwartungen gemäß.

Ich schlüpfe in das weiße Kleid. Was soll‘s, denke ich, lieber machen, dann hast du‘s hinter dir.

Es ist mein absoluter Alptraum, in einem weißen Kleid vor den Altar oder vor sonst eine Menge zu treten und nach einem strengen Ritual einen Ring an den Finger gesteckt zu bekommen, durch den ich ein Leben lang gebunden bin. Ich kann mich nicht mal an eine Gruppe binden, wie dann an einen einzelnen Menschen?

Doch es ist der Wille meiner Familie, dieser muss gehorcht werden. Dem Druck der Gesellschaft könnte ich sowieso nicht mehr lange standhalten. Zumindest nicht hier in diesem Land, da müsste ich schon wieder ins Ausland, ganz weg von jeglichem Zugriff, jeglicher Menge, die mich kennt. Und weglaufen bringt nichts, wenn man letzten Endes doch nur vor den inneren Stimmen flieht. Ich stelle mich mir selbst.

Ich heirate, und dann nichts wie zurück in meinen Alltag, in mein Leben. Diese Heirat verpflichtet zu nichts, er ist wahrscheinlich auch froh, wenn er so weitermachen kann wie bisher. Ich werde ihm niemals jeden Tag kochen, die Wäsche waschen, das Haus sauber halten, mich den ganzen Tag um die Kinder kümmern, paar Mal die Woche einkaufen fahren, paar Mal andere Mütter mit ihren Kindern treffen, Belanglosigkeiten austauschen, die Hinterlassenschaften des Nachwuchses betreffend, niemals werde ich ihm sein Leben so angenehm wie möglich machen wollen, ihm den Hintern polstern, niemals werde ich immer nur Erbauliches, Positives, Optimistisches sagen, niemals. Niemals werde ich immer ein Lächeln auf den Lippen haben, um ihm ein gutes Gefühl zu bescheren. Was eigentlich ändert sich durch eine Heirat? Die Bezeichnung des Partners? Pflichten?

Ich werde das tun, was ich liebe, und das kann keine Heirat ändern. Vor allem keine, die nicht aus Liebe geschlossen wird. Und wäre diese wahrhaftig, egolos, eine „höhere“, müssten wir dazu nicht den Bund der Ehe eingehen. Oder heiraten wir für die Bilder? Der Erzählung wegen?

Wie dem auch sei, auch ich heirate. Trage ein weißes Kleid, durchschreite den Gang. Der Kirche oder des Standesamts?

Ich habe geheiratet. Die Kette habe ich zerschnitten, schon bevor sie geschmiedet wurde. Nichts hat sich geändert. Oder doch: die Stimme, die mir flüsterte: Wann heiratest du? Wen vor allem? Wen und wann und wo? Heirate endlich, mein Schatz. Diese Stimme ist sehr leise geworden, kaum noch für Hundeohren vernehmbar. Es lebt sich leichter jetzt. Wer hätte das gedacht.

Wird sie noch da sein, wenn ich aufwache?

Die Masken

Mir träumte heute wieder etwas äußerst Seltsames, und doch fühlt es sich so real an. Ich spüre noch meine Umhängetasche an der rechten Schulter, in der mir schwarzer Stoff und eine weiße Maske entgegenblitzt.

Ich bin auf dem Weg in den nächsten Raum, in dem mehrere dieser Masken verteilt werden, alle gegen einen bestimmten Preis, und von meinen zwei Geschwistern war ich die, die sie behalten durfte – mehr Geld hatten wir nicht. Um eine neue Technik soll es sich handeln, mit der man reisen kann, wohin man will, und die Maske auf deinem Gesicht verwandelt sich je nach dem, für welche Pille du dich entschieden hast. Die Frau, die den Verkauf regelt, die aber auch die Verwandlungen betreut, hat ein hartes, strenges Gesicht, ich habe sie noch nie zuvor gesehen, doch ist mir ihr versteinerter Blick vor Augen. Ich fühle mich wie auserwählt, denn noch haben nur wenige eine der Masken erhalten, hinter uns eine lange Schlange, neben uns am Fenster sitzen meine Brüder und auch mein Papa, der voll begeistert scheint und es so bald wie möglich selbst ausprobieren will. Bitte sehr, ich würde meine Maske ja abgeben, so heiß bin ich nicht darauf, Versuchskaninchen zu sein. Wenn es nur so leicht wär‘ mit diesen Träumen.

Uns Maskenträgern stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Die meisten gehen einfach nur „online“, was auch immer das bedeuten mag; doch ist es wohl die einfachste und angenehmste Variante und ich bin vor lauter Angst versucht, ihnen gleichzutun. Es ist wie die Angst vor einem Horrortrip, weswegen ich chemische Drogen immer abgelehnt habe. Und jetzt verteilen sie Pillen, und ich muss mich entscheiden.

Eine andere Option ist die des „Surrealen“, so nennt es die Frau und neben mir befindet sich ein Mann schon genau in diesem Szenario, irgendwie kann ich sehen, was er erlebt, nur von außen, als stille Beobachterin. Er sitzt in einem Kanu, das aus einem einzigen Baumstamm besteht, und hinter ihm schwimmt ein ähnliches Gefährt, und darin erneut er selbst, mit weiß-roter Farbe um die Augen, er spricht mit seinem Spiegelbild in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Zurück zu meiner Situation, ich bin an der Reihe. Ich verstehe nicht, was ich sage und wofür ich mich entscheide, doch die Frau nickt und weist mir mit schroffen Handbewegungen an, genau jetzt die Maske aufzusetzen. Den schwarzen Umhang habe ich mir nach dem Vorbild der anderen über die Schultern geworfen, er reicht fast bis zum Boden. Dazu trage ich mein rotes Kleid, es war ebenfalls in meiner Tasche, wozu das gut sein soll, frage ich nicht mehr. Ich nehme die Silikonmaske und führe sie an mein Gesicht, immer näher, sie wird langsam wärmer, und wie ein Saugnapf passt sie sich von selbst an meine Nase, meine Lippen, meine Stirn an, enger und enger, es brennt. Tief durchatmen, höre ich noch von außen, vielleicht aber auch in meinem Kopf, tief mit der Nase ein, mit dem Mund aus, nur keine Panik. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge verändern, ja mein ganzer Körper scheint sich zu verwandeln, einatmen, ausatmen, ein Sog, ein Strudel erfasst mich – und ich wache auf.

Ist das jetzt eine dieser Optionen?

(Halle, 23.01.2020)

Clown und Grau

Ich sitze im Café Riquet in Leipzig. Von meinem Fensterplatz im ersten Stock kann ich gut die vorbeihastenden Menschen unten auf der Straße beobachten. Heute hasten sie ein wenig langsamer, es ist Sonntag und, für Leipzigs Innenstadt, wenig los draußen. Eine Gruppe von ungefähr acht Menschen bleibt genau so stehen, dass ich sie gut betrachten kann. Sehen sie mich auch oder doch nur die Elefanten an der Hauswand? Touristen, vermute ich, denn wie einstudiert wenden sie ihre Köpfe und Augen synchron zu jenen Häuserecken hin, auf die der Finger des jungen Mannes vor ihnen gerade zeigt. Eine grau-schwarz-blaue Melange, die sich dem Gewand der Häuser angepasst hat.

Plötzlich tritt aus dem Innenhof hinter der Gruppe ein Clown: weiss bemaltes Gesicht, rote Nase, bunt gestreifte Hosen und ein ebenso farbiges Oberteil. Er schiebt eine Schubkarre vor sich her, in der er Luftballonfiguren, Bälle und haufenweise andere bunte Gerätschaften transportiert, die ich von hier oben allerdings nicht im Detail benennen könnte. Was für ein wunderschöner Kontrast!

Der Clown geht langsam an der kleinen Menschenansammlung vorbei, sie neugierig betrachtend, als wären sie das verwunderlichste in diesem Augenblick. Irgendetwas sagt er zu ihnen, was, kann ich natürlich nicht verstehen, doch erntet er nur ein, zwei Seitenblicke, keinerlei Beachtung, der Stadtführer ist schon bei der nächsten Geschichte. Gesichter nach oben, erstauntes Nicken.

Entstammt der Clown meiner Fantasie?

Ist er eine ganz normale Erscheinung inmitten des verrückten Alltags, der eigentlich gar keine Geschichte wert ist? Verschwende ich hier meine Bleistiftmine?

In diesem Moment bringt die Kellnerin meinen Tee und das Stück Bratapfeltorte, ich lächle dankend und will weiter über die Gruppe sinnieren – doch ist sie mit dem Clown wie vom Erdboden verschwunden. Sie hat sich in Nichts aufgelöst, als wär’ sie nie dagewesen. Sie ist nur noch ein Bild vor den Augen meiner Erinnerung.

Der geheime Club

Diese Nacht war furchtbar. Ich hustete mir wohl alle halbe Stunde die Seele aus dem Leib. Viele Male dachte ich mir: Wann wird es besser, wann wird es besser. Als sich meine Lunge für kurze Zeit beruhigt hatte, stand ich plötzlich in einem großen Raum. Dieser war gefüllt mit allerlei seltsamen Formen, von denen manche eine bekannte Form hatten, andere wiederum sehr befremdlich auf mich wirkten. Sie alle waren von bunter Farbe, und was das interessanteste daran war: Sie alle pulsierten wie ein frisch herausgeschnittenes Herz.

Wo bin ich?, fragte ich. Du bist jetzt im Club der Huster, antwortete eine Stimme hinter mir. Ich konnte jedoch nicht ausmachen, woher diese kam und zu welchem Körper sie gehörte. Wir wollten dich nur testen, ob du unsrer auch würdig bist. Daher haben wir dich solange so viel husten lassen. Da du nun auch ein Mitglied bist, verraten wir dir ein Geheimnis. Du kannst mit deinem Husten Sachen bilden, wir diese hier am Boden. Niemand in der Welt der gesunden Menschen ist dazu fähig, nur wir sind es, daher verrate dein Geheimnis nicht. Du wirst immer wieder aufwachen und husten, damit alles beim Alten ist und keiner Verdacht schöpft, doch zurückkehren kannst du jederzeit und deine Formen bilden.

Wozu dies gut sein sollte, war mir nicht klar. Was mir jedoch völlig egal war, denn nun hatte mein Husten einen Sinn. Ich war in einem Geheimclub, in einer Parallelwelt, in der alles Schlimme gut war und alles Gute schlimm.

Die Nacht war auf einmal weniger furchtbar und ging wie im Flug vorüber.

(25.12.2016)