Der Ameisenbau

Im Wettbewerb der Länder war dasjenige im Vorteil, dessen Einwohner sich gleich Ameisen verhielten, die ihrer Königin und nur dieser zu Diensten waren und sonst keinem. Die deren Erzählungen verinnerlicht hatten, ihre Strenge für gut hießen und die kopflos arbeiteten, damit im Ameisenbau alles reibungslos funktionierte.

Niemand klagte über das strenge Regime der Königin, und wenn doch, hatte er Konsequenzen zu fürchten. Die Gemeinschaft, das Kollektiv war das, was zählte, und jeder hatte seinen Beitrag zu leisten. In einem riesigen Bau war es zu verschmerzen, hin und wieder ein paar Bewohner zu verlieren. Ja, es war gar nicht anders möglich.

Das größere Ganze stand im Fokus, und das war der Erhalt und die Vergrößerung des Ameisenbaus.

Nun musste es sich bei der Königin nicht um eine Person handeln, es konnte auch eine Erzählung sein, an die alle glaubten. Sei es die der Vorfahren, sei es die Schaffenskraft und Produktivität des Kollektivs, sei es das persönliche Glück.

Die Bewohner brauchten etwas, woran sie glauben konnten, um zu funktionieren und das System zu erhalten.

(Halle, 15.11.20)