freiwilliges Ausziehen

Das menschliche Bedürfnis zu erzählen ist grenzenlos. Und dieses Bedürfnis nutzten die Tribune aus. Sie hatten aus jenen Zeiten gelernt, als ihre Vorgänger mit der Überwachung zu offensichtlich umgegangen waren und jeden kleinsten Verstoß bestraft hatten. In die Erzählungen gingen jene ihrer Vorgänger ein, die besonders gewaltsam entweder mit all ihren Bewohnern oder nur mit bestimmten Gruppen umgegangen waren.

Die Tribune wussten, dass jene Vorgänger sich getäuscht hatten. Nicht einige wenige Bewohner waren das zu lösende Problem, alle waren es. Alle diese armen, ameisengleichen, willenlosen und ekligen Gestalten, ja, es war am einfachsten — und saubersten — einfach sie alle zu überwachen. Aber nicht nur das. Sie hatten es in jahrzehntelanger Arbeit geschafft, die Bewohner zu gleichgültigen Gestalten zu verwandeln, ohne dass sie es selbst bemerkten. Freilich, manche wehrten sich anfangs noch. Das unbekannte Neue macht nun mal Angst.

Doch selbst die, die ihre Mitmenschen am lautesten warnten, verstummten mit der Zeit, denn wenn der Mensch eines liebt, dann ist es ein Werkzeug, das seinen Arm verlängert und sein Leben vereinfacht. Sie hatten es sogar geschafft, dass die Bewohner selbst den Tribunen so viele Informationen wie möglich über sich gaben! Oh, diese Menschenaffen, ein einziger glitzernder Stock reicht aus und sie sind stumm stundenlang.

Wie brachten sie die Bewohner dazu, sich nackig zu machen und alles bis zum kleinsten Detail ihrer Gesundheit und ihres Körpers herzugeben? Sie verkauften es als Vorteil für jeden Menschen, als Erleichterung des Alltags, als „cool“. Sie zwangen alle Firmen der Stadt mitzumachen, und wer nicht mitmachte, galt bald als verdächtig oder war raus aus dem Spiel, ausser Gefecht gesetzt durch fehlenden Fortschrittswillen, durch die eigene Sturköpfigkeit.

Wer bitte will nicht fortschrittlich sein? Wer nicht mit der Masse mitgeht, bleibt irgendwann allein zurück. Und wer will bitte alleine sein? Sie verkauften den Menschen das Alleinsein als Teufel und den Fortschritt als Gott.

Veröffentlicht von

lenkasause

Die Worte flossen aus meinen Fingern, ich verstehe sie erst jetzt... Mehr über mich unter "Über mich"

11 Gedanken zu „freiwilliges Ausziehen“

  1. Ich gestehe, dass ich bei der Überschrift noch auf ein wenig Erotik dachte…das war jetzt wohl mein silberner Stock…
    Ich finde es spannend, wie Huxley schon vor etwa hundert Jahren schon so klar sehen konnte, wo wir heute fast schon angelangt sind und dass wir trotz besserem Wissens diesen Weg weitergehen.

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      1. Eigentlich bin ich noch am Überlegen, ob mich die Texte nur an Huxley oder nicht doch an die Mischung von ihm und Orwell erinnern, weil die Regierung bei dir stark mitgeht, während die bei Huxley gar nicht von Bedeutung war.

        Ich bin aber der Überzeugung, dass die Ideen beider Autoren gern mal aktualisiert werden dürfen, insofern freue ich mich ja über jeden neuen Eintrag von dir. 🙂

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      2. Freut mich wirklich zu wissen, dass meine Texte so regelmäßig gelesen werden. Habe letztens noch überlegt, ob ich das so weiter machen soll, also hier veröffentlichen, aber ich denke doch, dass das durchaus eine legitime Plattform ist. Immerhin erreichen wir ja auch ein paar Menschen, und wenn diese dann zum Denken oder Träumen angeregt werden – mehr will ich ja gar nicht 🙂

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      3. Ja, da verstehe ich dich sehr gut. Ich merke, dass es mich manchmal frustriert, wenn ein Beitrag nur Likes, aber keine Kommentare erhält, weil ich mich dann schon frage, ob die Leute überhaupt lesen oder einfach nur die neuesten Einträge der Reihe nach „liken“. Aber es gibt es eben doch einige aufmerksame Leser:Innen und damit begnüge ich mich 🙂

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      4. Ich würde übrigens auch gar nicht sagen, dass bei Huxley die Regierung so gar keine Rolle spielt, sie spielt sie zumindest sehr stark im Hintergrund. Irgendwer muss diese schöne neue Welt ja so geformt haben, oder? Die entwickelt sich ja nicht einfach so so..

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      5. Das ist tatsächlich die Sache. Also klar ist, dass die Regierung nicht gegen eine Entwicklung vorgegangen ist. Mir erscheint die Regierung bei Huxley äußerst demokratisch, so dass die künstlichen Befruchtungen auch deswegen so gekommen sein könnten, weil die Abscheu der Allgemeinheit vor der natürlichen Methode zu hoch war. Für mich könnte es eine Gesellschaft von sich aus zu so einer Gemeinschaft bringen, also ohne von oben bestimmt worden zu sein.

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      6. Mhm, da müsst ich ihn ehrlich gesagt nochmal lesen, um da gut drauf antworten zu können. Ich glaub hald, dass es immer jemanden gibt, der aus gewissen Entwicklungen in der Gesellschaft einen Vorteil zieht und dann möglichst verstärken oder zumindest beibehalten möchte, wie es ist. Hat sich der „Abscheu vor der natürlichen Methode“ natürlich so entwickelt oder hat man das den Menschen so eingeredet, um sie in eine bestimmte Richtung zu lenken? Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht auch glaube, dass sich auch aus der Gesellschaft heraus gewisse Tendenzen entwickeln können.

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