Umwälzung

Die Getrenntheit der Menschen ist das Problem unserer Zeit.

Individualismus zerstört, wer hat uns diesen eingeredet? Der Mensch dreht sich um sich selbst, ist sich selbst der Nächste.

Jeder Mensch ist Teil eines größeren Ganzen, als der er auch etwas bewegen kann. Doch diese Erkenntnis ist uns verlustig gegangen, und in diesen Pandemie-Lockdown-Zeiten merken wir, wohin uns dieser Individualismus führt.

„Revolution“ bedeutet „Umwälzung“: Unten nach Oben, Oben nach Unten. Die große, dunkle Masse, die Vielen, kommt ans Tageslicht, wird nach oben gekehrt, die dünne Schicht obenauf, die Wenigen, nach unten, alles wird Eins.

Die Menschen sind taub, lethargisch, gleichgültig, die Welt ist ihnen zu schnell und groß geworden, etwas, das sie mit ihren Körpern, die sich seit Jahrtausenden nicht wirklich verändert haben, nicht verstehen. Sie reagieren mit Angst — ganz natürlich — auf den unsichtbaren Feind im Gebüsch. Sie erzählen sich Geschichten, um das Unfassbare greifbarer zu machen, um die Angst in bestimmte, geregelte Bahnen zu lenken. Geschichten wie Leitplanken, an denen sie sich orientieren können, aber aufgrund dieser sie auch den vorgezeichneten Wegen folgen.

Es gibt diesen Ausweg, doch er ist schmerzhaft, mit großen Verlusten verbunden, und er beinhaltet den größten Gegner, den man sich vorstellen kann: sich Selbst.

Schnüre und Scheren

Endlich bin ich aufgewacht. Was für ein Traum.

Mir träumte, ich sei in einem Ich gefangen, das sich ständig im Kreis drehte, Opfer seiner eigenen Gedanken.

Es waren dies keine von der netten Art. Sie flüsterten wie gemeine Mitschüler — ja, lasst euch sagen: Wer flüstert, der lügt und frisst kleine Kinder, wahre Geschichte!

Sie hatten mich an ihren Schnüren, und sie zogen mal hier, mal dort, ich bewegte mich nach ihrem Gusto. Sie ließen mich Mauern bauen und Fluchtwege, und es machte ihnen Spass, mir beim Fallen zuzuschauen.

Nun bin ich niemand, die hinfällt und nicht mehr aufsteht. Immer wieder stehe ich auf, bleibe kurz stehen, bis der Schwindel nachlässt, und gehe dann weiter. Da muss irgendwas noch kommen, sage ich dann, weil es mir vorher mein Herz versprochen hat. Das weiß ja sowieso schon immer alles früher, nur verrät es das nicht, wäre ja sonst langweilig. Oder vorhersehbar. Ha.

Dieser Traum also. Ich drehte mich im Kreis, meine Gliedmaßen an Schnüre gebunden, und es gab keinen Ausweg.

Doch da entdeckte ich eine Schere, eine Gestalt bot sie mir an. Sie war von jener Art von Traumgestalten, die plötzlich auftauchen, ohne Gesicht, nur verschwommen erkennbar und so schnell wieder verschwunden, dass sie auch aus der Erinnerung leicht entfleuchen.

Mit den ersten durchtrennten Fasern lösten sich die Fäden ganz leicht, als hätten sie nur darauf gewartet, auch von mir erlöst zu werden. Der Aufprall auf den Boden war hart. So hart, dass ich aufwachte.

Wer bin ich ohne diese Schnüre? Die mich gefangen hielten und gleichzeitig Sicherheit boten. Dank denen ich wusste, wohin ich zu gehen hatte, was ich tun sollte. Jetzt bin ich frei. Und nun?

Alte Wunden

Dieses Wochenende liegt schwer auf mir. Wie ein riesiger Felsbrocken auf meiner Brust, nichts ist mehr im Fluss. Alles tut so weh.

Mein Herz schmerzt so sehr, als wären die alten Wunden aufgerissen, oder ist es ein Phantomschmerz, der mich an die alten Verletzungen erinnert?

Mir wird meine wahnsinnige Verlustangst klar. Ich klammere, ich will ihn nicht verlieren, und hoffe gleichzeitig, dass er mich dann verlässt — das würde mich ja dann wenigstens bestätigen. Alle verlassen mich, denn ich bin es nicht wert, ich bin nicht genug, ich interessiere niemanden längerfristig. Ich glaube oft sogar, dass sich die Männer nur wegen meines Körpers für mich interessieren. Das würde mir ja so passen, oder? Und wenn der Körper dann nicht mehr interessant ist, merken sie irgendwann, wie langweilig ich bin. Moment mal, oder habe das eigentlich ich immer gedacht?

Ich realisiere plötzlich, wie sehr ich mein Leben lang schon nach dem Motto handle und nichthandle, es interessiere ja doch niemanden, also egal was und wie ich es mache. Wenn es egal ist, warum sich dann anstrengen? Habe ich mich deswegen für ein Studium der Polonistik entschieden, weil auch Polen niemanden interessiert? So als Trotzreaktion, die eigentlich am meisten über mein Inneres aussagt?

Die Erkenntnis ist wie immer der erste Schritt zur Besserung. Das Schwierige dabei ist, dass ich diesen Felsbrocken auf meiner Brust aus eigener Kraft hochheben und entfernen muss.

Na, dann fang ich mal an zu trainieren…

lieben und lernen

Gott ist Liebe ist in meinem Herzen. Wenn ich mit Gott, Jah, Allah, dem Universum, dem Schicksal, dem Göttlichen spreche, spreche ich eigentlich mit meinem Selbst. Meinem Herzen, das mir die richtigen Antworten gibt.

Der Ruf, dem ich folge, stammt aus meinem Innersten, meiner Seele, meinem Selbst. Was ist dieses Selbst? Der Begriff ist zu theoretisch, zu philosophisch, die meisten können nichts damit anfangen. Es ist dein Herz, die Liebe, in der du aufgehst, wenn du alles, was dein Ego ist, alle Stimmen in deinem Kopf, ausschaltest. Es ist, was zurückbleibt, wenn du den Kopf ausmachst und dich vom Herzen leiten lässt.

Wie ich unterscheiden kann, was der Kopf und was das Herz sagt? Alles, was mit Angst zu tun hat, entstammt dem Kopf. Dein Herz kennt keine Angst. Angst und Liebe sind die beiden Pole, zwischen denen sich der Mensch manchmal zerreisst.

Was ist mit Angst gemeint? Aus ihr stammen alle negativen Gefühle wie Hass, Zweifel, Neid, Eifersucht. Alles, was mit dem Ego zu tun hat, also alles, was uns jemals erzählt worden ist, wer wir sind. Alle Identitäten. Alle Ideologien.

Zur Ideologie wird, wenn wir etwas nicht mehr als eine unter vielen Möglichkeiten der Darstellung und Betrachtungsweise sehen, sondern als die einzige Betrachtungsweise, als die Wahrheit, durch die wir die Welt sehen. Dieser Filter hat zur Folge, dass wir die Welt nicht mehr unvoreingenommen sehen, sondern schwarz, weiß, blau, grau, rot — durch unsere Ideologie hindurch. Wir sehen nicht mehr, wir interpretieren. Wir erzählen Geschichten über das, was wir sehen, wir denken, wir nehmen an, wir vermuten, wir kennen das doch.

Liebe ist Freude darüber, lieben zu dürfen. Liebe ist Freude über die Existenz. Liebe ist nie endende Freude. Sobald die vermeintliche „Liebe“ etwas will und fordert, handelt es sich nicht mehr um Liebe. Es ist das Ego, das nach der Füllung von jedweden Lücken schreit. Liebe will nicht, fordert nicht. Liebe gibt, Liebe hat. Liebe ist.

Wenn wir also aufhören zu erzählen, und anfangen zu sehen, ist das der erste Schritt zu nichts weniger als dem Weltfrieden. Wenn wir anfangen, uns mit allem, was uns ausmacht, zu akzeptieren und zu lieben.

Was macht uns aus? Natürlich auch der Kopf und die Angst und all die Muster darin, das ist nicht weniger als das rein Menschliche. Zu erkennen gilt es jedoch, dass das nicht wir sind. Meine Erfahrungen, Erinnerungen, Ängste bin nicht ich. Mein Körper, meine Religion, meine Herkunft – bin nicht ich.

Es hat alles einen Sinn, warum wir in einen bestimmten Körper in einem bestimmten Land zu einer bestimmten Zeit geboren werden.

Herauszufinden, was dieser Sinn ist, und sich von den äußeren Umständen mental zu befreien, mag einer der härtesten Schritte sein, aber auch derjenige in die richtige Richtung. Wozu bin ich hier?

Um zu lernen. Um zu lieben.

(Halle, 01.08.2020)

Stell dir vor

Wie wird das Leben in 300 Jahren aussehen? Fragte sich das Mädchen.

Doch selbst die größte Fantasie reichte nicht aus für das, was allein innerhalb von einhundert Jahren – zweihundert Jahre später – geschehen würde.

Sie kannte ja Kriege, das gab es bei ihr auch. Doch Kriege, in denen die ganze Welt involviert war, kannte sie nicht. In denen ein paar der größten und mächtigsten Staaten der Welt ihre Kämpfe vor allem in anderen Ländern ausfochten, die Menschen dort für sich kämpfen ließen. In denen durch vom Himmel fallende Stäbe oder Kanonenkugeln Menschen, Dinge, Häuser mit großem Knall in Feuer aufgingen und von einem Moment auf den anderen nicht mehr existierten. In denen Menschen Fabriken bauten, um dort andere Menschen systematisch und millionenfach zu ermorden. In denen das „in Ordnung“ war, weil man sie vorher zu Tieren, ja, zu Nummern erzählt hatte.

Das kannte sie nicht.

Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass in wenigen Jahrhunderten die Menschen in Stahlvögeln um die Welt flogen, in Stahlkutschen so schnell wie der Wind fuhren, und niemand musste mehr König oder sehr reich sein, um einmal die ganze Welt zu sehen. Dass sich die Welt ein wenig schneller drehte, war für sie ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit.

Stell dir vor, alle Menschen der Welt sind miteinander verbunden durch ein riesiges unsichtbares Netz aus Strahlen, über die mysteriöser Weise kommuniziert wurde und das rund um die Uhr. Stell dir vor, Mädchen, du kannst in deinem Bett liegen und von dort aus die ganze Welt sehen, ohne auch nur einen Schritt auf den Boden zu setzen.

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Menschen freiwillig etwas erfinden würden, was alles Leben im Kilometer weiten Umkreis so radikal auslöschen konnte. Dass sie für die Geschwindigkeit, in der sie lebten, alles opferten, auch die Welt, in der sie ja eigentlich noch länger zu leben gedachten. Oder werden die Menschen in der Zukunft einfach schneller leben, so dass sie gar nicht mehr so lange zu leben brauchen? Ihr wurde ein wenig schwindelig bei diesen Gedanken. Immer schneller, höher, weiter, größer, besser, mehr, mehr, mehr – würde dieses Rennen nicht irgendwann enden müssen?

Aber vielleicht wird es ja auch ganz anders, dachte sie. Warum nicht einfach vom Guten ausgehen? Ich kann mir vorstellen, dass in dreihundert Jahren, in allerfernster Zukunft also, die Menschen endlich keine Kriege mehr führen. Sie haben festgestellt, dass genug für alle da ist, und dass es allen besser geht, wenn sie es miteinander teilen. Vielleicht gibt es dann auch kein Geld mehr, dieses System habe ich eh noch nie verstanden, wozu denn auch, wenn alle alles haben. Jeder liebt sich selbst und damit die ganze Welt, jeder akzeptiert sich so, wie sie und er ist, denn so ist es ja auch gut, so sieht sie das zumindest. Niemand wird mir dann mehr erzählen, wie ich zu sein habe, vor allem als Mädchen, und was ich zu tun und zu lassen habe. Mädchen, ja, die werden dann endlich als die geschätzt, die sie sind, ja vielleicht sogar verehrt, immerhin bringen wir doch auch neues Leben zur Welt. Wir leben in Frieden und Einheit mit allen anderen Menschen, weil wir deren Einzigartigkeit anerkennen und lieben und wissen, was wir ihnen haben, dass wir ohne sie nicht können, und niemand wird mehr je von oben bestimmen, wer wen wie lieben darf. Es wird keine Religionen mehr geben, und wenn, dann gibt es niemanden mehr, der sie zu seinen Zwecken instrumentalisiert. Das, was die Menschen an Maschinen erfinden, werden sie zum Guten nutzen, wozu sonst wären sie da?

Ja, das ist unsere Zukunft, da ist sich das Mädchen sicher, und geht ein wenig froheren Schrittes in Richtung ihres neuen Herren, an den sie von ihrem Vater jetzt gleich übergeben wird…

(Halle, 4.7.20)

Tat twam asi

Ich bin Alles und Nichts.
Tausend Füchse und doch nur einer.
Das Mädchen hinter der Kamera,
Dein Auge.

Bunt spiegelt sich die Welt in dir,
Golden gesprenkelt.
In dir die ganze Welt
Vereint zum Tanz der Liebenden.

Du suchst und rennst und sehnst,
Unsichtbar der Weg,
Deine Karte im Herzen.

Bleib endlich stehen,
Erkenn dich in dir, vergiss dich
Und du siehst:

Du bist Alles, und Alles ist Du.