Ichs

Da ist dieser Abgrund, der nicht existiert, ich weiß das, und doch habe ich furchtbare Angst vor seiner Wirkichkeit. Jeden Moment könnte ich in die Tiefe stürzen, kilometerweit fallen, fallen bis ich auf dem Boden, der doch irgendwann kommen muss, zerschelle.

Was ist real, was fiktiv? Die Trennung dieser Bilder fällt mir manchmal schwer. Mein Kopf produziert Bilder und Geschichten im Sekundentakt, ich kann mir alles vorstellen und nur bisweilen nicht, dass das, was ich mit meinen Augen um mich herum sehe, wirklich ist.

Ich träume mich in andere Welten, die sich teils mehr, teils weniger von dieser meiner jetzigen, in der ich diesen Text tippe, unterscheiden.

Was wäre, wenn?

Dieser Umstand könnte anders sein, ich und alles wäre anders, wie wäre das doch schön. Ich träume mich hinaus und hinüber, draußen regnet es, so schön warm hier, vielleicht bleib‘ ich doch.

Was, wenn all die Bilder in meinem Kopf real existierten und sie ein anderes meiner Ichs tatsächlich lebt? Wie spannend und wie traurig und wie schön und lustig und furchtbar für sie.

Wer weiß, vielleicht denken sie gerade auch an mich?

Der tote Wald

Mir träumte, ich sei ein toter Wald. Alle Bäume leblos, unsere noch nassen Blätter bedeckten den Boden.

Warum ist denn alles tot, fragte ich in die Stille hinein. Woran leiden wir, was hat man uns geraubt oder zugefügt?

Da kam in uns hineinmarschiert eine Armee von Gärtnern mit riesigen Scheren. Sie liefen im Gleichschritt, formatierten und teilten sich, jeder Gärtner bewegte sich zielstrebig auf einen unserer Bäume zu.

Als alle bei ihrem Baum angekommen waren, fingen sie an, hinauf zu klettern. Eine schwierige Angelegenheit, weil aufgrund der Totenstarre viele Äste einfach abbrachen. So wie ich das erkennen konnte, hatten sie einen bestimmten Ast im Blick, den sie daraufhin mit ihrer Schere gekonnt zurecht stutzten.

Was war der Sinn dahinter? Eine oberflächliche Schönheitskorrektur, obwohl wir bis zu den Wurzeln verrottet waren?

Doch es schien die Gärtner nicht zu kümmern, ein jeder und eine jede von ihnen rutschten nun den Baum herunter und marschierte, wieder in perfekter Synchronisation, zum nächsten Objekt. Es wiederholte sich dieser Vorgang mehrmals.

Bevor sie mich jedoch entdeckten, lief ich davon, entsetzt über das Gesehene und voller Fragen. Warum ging niemand den Bäumen an die Wurzeln?

Maschinen gleich operierten diese Gestalten, selbst mit totem Blick, eine eisige Kälte ausstrahlend. Sie erschütterte mich bis ins Mark.

Ich erwachte fröstelnd.

Spiel mit Walen

Ich schwimme mitten im Ozean. Das Wasser ist dunkelgrün, fast schwarz, ein Zeichen für seine bodenlose Tiefe.

Ich spiele mit einem Wal, der aussieht wie ein Delfin, und der bestimmt zehn Mal so groß ist wie ich. Er scheint sich sehr zu freuen, er lacht und schlägt wie wild mit den Flossen, er springt aus dem Wasser und um uns herum. Uns, das ist neben mir noch mein Bruder, wir scheinen Spaß zu haben oder zumindest so zu tun, immerhin wollen wir den Wal lieber nicht verärgern. Er springt mit seinem tonnenschweren Gewicht immer fast auf uns drauf, schnell wären wir Fischfutter.

Irgendwann kommen wir auf die Idee, uns doch an seiner Rückenflosse festzuhalten. Auf dem Rücken ist besser als unter dem Bauch oder auch unter dem Rücken, bei einem Rückenplatscher. Man, ist der glitschig und nass, all das Moos oder was der auf seiner Haut hat, gar nicht so leicht, sich da festzuhalten. Mir gelingt es dennoch besser als meinem Bruder, und irgendwann sehe ich ihn nicht mehr.

Plötzlich macht der Delfinwal einen so abrupten Satz, dass ich in hohem Bogen von seinem Rücken und ins tiefe, dunkle Meer fliege. Von weitem sehe ich schon den riesigen Schatten, der dort unter der Oberfläche lauert. Das ist ein anderer Wal, ernster als der unsere, und vor allem größer. In Zeitlupe fliege ich auf ihn zu, das Wasser kommt näher und damit auch das Ende meines Traums.

Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, es ist angsteinflößend. Gleichzeitig habe ich vollstes Vertrauen, dass alles gut wird.

Alles ist immer noch ein Traum.

Die fehlende Tür

Ich wollte nur noch schnell die Schuhe meiner Freundin holen, die sie oben im dritten Stock liegen gelassen hatte. Anscheinend hatten wir so heftig gefeiert, dass alle ihre Schuhe ausgezogen hatten, ich erinnerte mich nicht. Also holte ich ihre Schuhe, aber statt der Schuhe stand dort nur eine Vase. Ich zuckte die Schultern, über den Geschmack anderer zu urteilen war nicht meine Sache, nahm sie und ging Richtung Ausgang.

Das Verzwickte nun war, dass es kein Treppenhaus gab. Wer in die unteren Stockwerke wollte, musste aus dem Fenster die Hauswand hinunter klettern. Kein Problem eigentlich, ich wusste, ich hatte das schon öfter getan, nur diesmal ging es nicht. Vielleicht lag es an der Vase, oder an den regennassen Wänden, es war einfach nicht möglich.

Da entdeckte ich auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters eine Tür. Darauf war auf Deutsch und auf Französisch zu lesen: Achtung! Kein Zutritt! Prüfungssituation. Ich verstand, was sie mir sagen wollten, aber erst, nachdem ich schon durch die Tür getreten war und in einer völlig anderen Welt stand.

Ich fühlte mich auf der Stelle fehl am Platz, ganz fremd, obwohl das auch nur Menschen hier waren. Überall murmelte, flüsterte, zischte es Französisch, und wie in einem riesigen Hörsaal saßen junge Menschen in Schuluniform. Zwischen ihnen Plastiktrennwände. Okay, keine Panik, Lena, du musst hier nur die Treppe nach unten finden und so tun, als wärst du eine verwirrte, verplante Studentin, die keine Ahnung hat, wo sie in diesem überdimensionalen Audimax Platz finden soll. Das sollte dir eigentlich wirklich nicht schwer fallen.

Panik stieg in mir auf, denn es war weit und breit kein Ausgang zu finden. Immer schneller hetzte ich durch die Flure, immer neue Welten taten sich auf. Hinter der einen Tür war plötzlich ein Aquarium, das so groß war, dass darin sogar Wale Platz hatten. Hinter der anderen Tür befand sich ein Garten, in dem die Schüler zu lustwandeln schienen, Pause machten, sich die Zeit vertrieben. Nirgendwo eine Treppe in Sicht. Einen zugänglich aussehenden Jungen fragte ich nach dem Weg zum Ausgang, doch er blickte mich nur befremdet an, sagte, es gebe hier kein Entrinnen, wenn man nicht den Test bestanden habe. Französisch? Ich kann doch kein Französisch.

Irgendwann, nach der tausendsten Tür, gab ich auf, lieh mir eine dieser schwarz-weißen Uniformen, band mir das schwarze Tuch um den Hals, und verschwamm mit der Masse.
Mein ursprüngliches Ziel aber habe ich nie vergessen.

(Halle, 03.02.21)

Bunte Löcher

Mit Maschinengewehren durchlöchern sie die Wände. Dort, wo die Kugeln durch die Wand dringen, hinterlassen sie einen bunten Fleck.

Smartieswand. Styroporwand.

Das passiert in dem einen Raum. Wir fliehen in den nächsten. Wir, das sind ich und noch viele andere Kinder, meine Brüder, meine Eltern.

Ich bin allein in einem langen Flur. Weiße Wände und weiße Stahltüren. Ganz am Ende öffne ich eine Tür mit rotem Lederbezug. Mein Blick fällt auf einen riesigen Kinosaal, in dem die Sitze nur bis zur Hälfte ansteigen und dann wieder an Höhe verlieren. Als hätten sie einen großen Knick in der Mitte. In der vorderen Hälfte sehe ich meine Eltern, sie starren ganz gebannt auf sich selbst auf der Leinwand, ich höre meine Mama sprechen.

In der hinteren Hälfte sitzen meine Großeltern. Sie winken mir fröhlich zu, obwohl sie wegen des Knicks doch gar nichts sehen können und draußen vor der Tür gerade unzählige Menschen getötet werden. Wie können sie so scheinbar unbeschwert hier sitzen und Film schauen? Sind wir in diesem Kinosaal etwa sicher?

Ich würde gerne zu ihnen gehen, alles um mich herum vergessen, ihre Liebe spüren. Aber meine Füße tragen mich rückwärts hinaus.

Wieder zurück im weißen Flur mit den weißen Stahltüren. Schritte. Ich verstecke mich in einem der Räume, es scheint eine Abstellkammer zu sein mit Waschbecken und gefährlich aussehender Spritze im Schrank hinter dem Spiegel. Ich nehme sie vorsichtshalber an mich.

Vor der Tür höre ich Männerstimmen und wage einen Blick nach draußen. Es handelt sich um den Mann, vor dem mich alle gewarnt haben. Der verantwortlich ist für all die toten Menschen, für den versuchten Mord an uns. Und den, den sie noch vollenden werden. Der Mann mit dem zwei Finger breiten Oberlippenbart. Er hält sich normalerweise hinter der dritten Stahltür auf, die niemand sonst betreten kann, weil sich dahinter ein Tresor verbirgt.

Er sieht mich nicht. Ganz fest umklammert meine Hand die Spritze, bereit für alles, was da kommen mag.

Er verschwindet in seinem Tresor. Ich traue mich nach draußen. Seine Soldaten können mich jederzeit erwischen, aber auch einer meiner Mitstreiter könnte auftauchen. Mich drängt es in den nächsten Raum, wo sich die Toilette und Dusche des Oberlippenbartmannes befindet. Ich muss mal. Die Tür ist zugesperrt, für ein paar Sekunden habe ich meine Ruhe und bin erleichtert.

Da rüttelt jemand an der Tür, rüttelt stark, das Schloss ist schwach, das Schloss geht auf. Er ist es, auch er hat wohl ein dringendes Bedürfnis. Er starrt mich mit unverhohlenem Ekel und Hass an.

Seine schwer bewaffneten Männer tauchen im Hintergrund auf, menschliche Hüllen ohne Willen, aber mit dem unwiederbringlichen Tod in den Händen.

Ich stehe auf, mich dem Schicksal ergebend – schon wieder hat es mich erwischt – und verlasse mit den Zombies den Raum.

Ich wache auf.

Der Kopf im Helm

Mir träumte:

Ein ganzes Abenteuer entspann sich um die Bushaltestelle in meinem Heimatdorf. Nicht mehr viel erinnere ich, und doch war der Boss der Bösen am Ende jemand, den ich kannte, fürchtete, vielleicht aber auch eine rein fiktionale Figur. Er offenbarte sich als ein Kopf, der plötzlich oben an der Wand auftauchte, geschützt von einem Helm, der ihn ohne Körper leben ließ. Er war es, der die „Bösen“ in diesem Abenteuer befehligt hatte, und nun erschien er wie der Endboss in einem Videospiel. Er strahlte das Böse aus, und selbst im Schlaf spürte ich meine Gänsehaut.

Ich weiss nicht mehr, was er sprach, vermutlich lachte er ein grauenvolles Harrharr und erklärte seine Vorgehensweise, mit der er uns nun besiegt hatte. Da ergriff ich einen Stein, und schlug mit dessen spitzer Kante so fest es ging auf seinen Helm.

Ich schrie: So hilft mir doch einer! Aber es kam keiner, und so schlug ich immer fester, bis das Glas zersprang. Der Kopf darin schnappte wie ein Fisch ausserhalb des Wassers, er schnappte nach seiner Luft, doch sie war dem Helm entwichen.

Kurz bevor ich aufwachte, hörte ich noch ein Geräusch, wie wenn aus einem Luftballon die Luft entweicht und er kleiner werdend davon fliegt. Der Kopf war zusammengeschrumpft und der Helm fiel zu Boden, als wäre nie etwas geschehen.

Ein Helm liegt an einer Bushaltestelle. Die Stämme der Bäume nebenan sind bunt bestrichen. Ich fahre nachhause…