Gift

Warum habe ich so unglaubliche Angst davor, diese Geschichte zu beginnen? Mich hinzusetzen und loszuschreiben?

Der Gedanke daran lähmt meine Finger. Zweifel stehlen sich in meinen Kopf, vergiften mein Herz.

Wer bin ich schon, wer hat mir die Flausen in den Kopf gesetzt, ich könnte wirklich Schriftstellerin sein? Jeder schreibt heutzutage, so viel belanglose Worte sind auf dem Markt, Erfolg hat sowieso nur, wer sich schon einen Namen gemacht hat. Warum sollte gerade ich, Nachfahrin von Bauern aus dem tiefsten Niederbayern, schreiben? Die Stimmen wispern: Such Dir endlich eine vernünftige Arbeit, hör auf zu träumen, das sind nichts weiter als kindliche Phantastereien!

Das Problem ist: Auch wenn mich die Angst lähmt, weiß ich doch, dass ich es tun muss. Wenn ich es nicht versucht habe, werde ich nie in meinem Leben zufrieden sein, wird dieser Traum immer in meinem Hinterkopf bleiben, zusammen mit der Frage: Was wäre, wenn?

Hättest Du, wärst Du nur, könntest jetzt.

Und weil ich weiß, dass ich vor allem vor den Dingen am meisten Angst habe, die richtig für mich sind, weil sie am wichtigsten sind und ich deshalb absolut nicht versagen will, muss ich es irgendwie schaffen, die Angst zu überwinden. Habe ich bisher auch immer, aber so schwierig war es noch nie. Ich behaupte mal, dass ich viele Dinge in den letzten Jahren deshalb getan habe, um mich nicht mit dieser Angst auseinandersetzen zu müssen.

Es ist die Geschichte der Unterirdischen Seen, die unbedingt geschrieben werden will. Aber warum, was fasziniert mich so daran? Ist es die Tatsache, dass es sich dabei um etwas handelt, von dem sich alle Menschen erzählen, aber niemand genau weiß, ob es sie wirklich gibt? Denn alle, die sie gesehen haben, sind entweder nicht mehr zurückgekehrt oder haben nie wieder davon gesprochen. Wie etwas beschreiben, das von vollendeter Schönheit ist? Ist es die Stadt außen herum, die mich seit meinem Aufenthalt in ihr so fasziniert und die für mich die perfekte Metapher darstellt?

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich die bin, für die ich mich halte. Der Rest liegt nicht in meinen Händen.

(Halle, 01.05.22)

Brief aus der Zukunft (I)

Ich weiß gar nicht mehr, wie es früher war. Mir scheint, es muss immer so gewesen sein wie heute, so natürlich fühlt es sich an und so unlogisch alles andere. Ich erzähle Euch hier ein wenig von meiner Gegenwart und Eurer Zukunft. Dafür beginne ich mit dem Großen und zoome dann immer näher ran.

Eine weltverändernde Entwicklung, die ich sehr begrüßt, schon vorausgesehen und gleichzeitig herbeigewünscht habe: Die Länder Afrikas stehen nun geeint da. Sie haben alle außerkontinentalen Interessen verbannt, alles ist jetzt in afrikanischen Händen. Das war ein schwerer Kampf, bis es endlich soweit war, aber es hat sich gelohnt. Und weil die ganze Welt von afrikanischen Ressourcen abhängig ist, hat Afrika eine wichtige Rolle in der Weltordnung eingenommen.

Eigentlich gibt es diese Ordnung aber nicht mehr.

Kein Land der Welt fühlt sich überlegen und will in den Angelegenheiten anderer mitreden. Kein Land will mehr andere Länder erobern, denn alle genügen sich selbst. Klingt verrückt und unmöglich in Euren Ohren, oder?

Es herrscht ein fairer Handel: Länder mit mehr natürlichen Ressourcen tauschen diese gegen Wissen oder andere Dinge ein, die Länder mit weniger Ressourcen haben. Niemand muss mehr Hunger erleiden, denn die Erde gibt genug her für alle, schon immer, nur jetzt ist es eben gerecht verteilt.

Kein Mensch der Welt darf mehr besitzen als der Großteil der Menschheit; Verschwendung, Protz und Anhäufung von Reichtümern sind weltweit verpönt und stehen sogar unter Strafe. Auch die Ausbeutung von Menschen ist nun verboten, doch sie ist auch nicht mehr nötig, da mit dem Ende des Mottos „mehr mehr mehr“ der Überfluss zum Überdruss wurde. Lebensmittel, Klamotten und etwaiges dürfen nur in den benötigten Mengen hergestellt werden, so vermeidet man auch sehr viel Müll.

Vor einigen Jahren hat man endlich eingesehen, dass das Erhöhen einiger Menschen über andere nur dazu dient, sich selbst besser zu fühlen, und es auch oft aus Angst heraus geschieht. Zum Beispiel die Angst vieler Europäer vor der Stärke des afrikanischen Kontinents.

Afrika ist unsere Zukunft und auch unsere Vergangenheit, das haben endlich alle erkannt.

Die Angst europäischer Länder vor einer Einigung Afrikas bestand vor allem darin, dass sie auf sich selbst zurückfallen würden. Der Reichtum vieler europäischer Länder rührte in der Ausbeutung anderer, und wenn das nicht mehr möglich wäre, was dann? Würden sie dann merken, welch‘ Museum sie sind und in welcher Abhängigkeit sie von anderen Ländern und Kontinenten stehen? Dass sie nichts sind ohne jene Länder, aus denen die Menschen zu ihnen fliehen, in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges (oder überhaupt ein) Leben und mit einer Europa verklärenden Vorstellung? Aber wehe Dir, Europa, sie besinnten sich auf ihre eigene Stärke, dann, so fürchtete man, wäre es nur noch ein Häuflein Elend, reich zwar an Geschichte und Wissen, mehr aber auch nicht.

Und so kam es dann auch, doch zum Glücke Europas sind nicht alle so gesinnt wie es selbst, und es konnte sich ein reger, respektvoller Austausch, ein fairer Handel entwickeln, endlich auf Augenhöhe.

Übrigens gibt es mittlerweile auch keine Atomwaffen mehr. Die hat man abgeschafft, weil sinnlos und unglaubliche Geldverschwendung. Dieses doch sehr männliche Getue, wer die dicksten… Waffen habe, wurde als unwürdig verboten. Sowieso lachen die meisten Regierenden heute darüber, weil sie erstens vor allem Frauen sind und zweitens erkannt haben, wie lächerlich es war, wenn doch keiner wollte, dass auch auf sein eigenes Land eine solche Bombe falle. Wozu also noch so tun? Im Rückblick erscheint es uns fast als witzig, wie sich die „Chefs“ der damaligen Welt wie Gorillas mit den Fäusten gegen die Brust hauten und sich gegenseitig anbrüllten.

Verrückte Zeiten. Und das alles wozu? Das versteht heute keiner mehr.

Das nächste Mal erzähle ich Euch von den Veränderungen innerhalb der Gesellschaften und im zwischenmenschlichen Umgang, das ist auch sehr schön. Wenn Ihr Fragen zu irgendwelchen Aspekten meiner Gegenwart und Eurer Zukunft habt, schreibt mir einfach, dann gehe ich darauf ein.

Bis bald,

Eure Lenka Lewka aus der Zukunft

Die Patientin

Was für einen seltsamen, wunderschönen Traum ich heute hatte. Alles war anders, beängstigend, da wir an unseren jetzigen Zustand gewohnt sind.

Wieso fällt es uns so leicht, uns vorzustellen, wie alles immer nur schlimmer wird? Wir denken: Ach, ist doch alles in Ordnung, so wie es ist, uns geht‘s doch gut. Ja, so gut, dass wir eben nicht ins Krankenhaus müssen. Aber eigentlich krankt es an allem, zu unspezifisch für jeden Arzt, denn wo anfangen?

Da es uns gut geht, kann es ja nur schlimmer werden, oder?

Die meisten der inneren Organe sind schon lange krank, aber sie funktionieren noch in unserem Sinne. Lange haben wir nichts davon bemerkt, weil es sich nicht an der Oberfläche, unserer Haut, gezeigt hat. Doch immer mehr Irritationen tauchen in letzter Zeit auf, unheilbar, weil tiefere Ursachen. Bisher lassen sie sich kurzfristig überdecken, aber wie lange noch? Machen wir weiter wie bisher, bis wir von innen abgestorben und nicht mehr zu retten sind?

Jahrelang hat man uns eingeredet, dass wir uns alles nur einbilden, dass genau das ein gesunder Zustand ist. Weil wir Jahre, ja Jahrhunderte lang mit der Behandlung gewartet haben, zwickt und kneift es nun an immer mehr Stellen, der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Oder?

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Wir müssen mehr über Utopien nachdenken. Wie könnte eine bessere Welt in Zukunft aussehen?

Träumen ist wichtig.

Wer nicht weiß, wohin er gehen will, bleibt stehen, verirrt sich. Bewegungen sind nur möglich, wenn man Menschen unter einer gemeinsamen Hoffnung vereint, wenn man ein Ziel vorgibt, in dessen Richtung zu gehen sich lohnt.

Träumt mit mir!

In nächster Zeit folgen hier weitere Texte zum Thema Utopie – Wie könnte unsere Welt aussehen?

Doppelter Boden (II)

Ich ahnte, das kleine Menschlein würde mich früher oder später heimsuchen. Also blieb ich über Nacht lieber bei einer Freundin. Am nächsten Tag musste ich aber in meine Wohnung zurück, weil ich dort etwas für meine Arbeit vergessen hatte.

Als ich in die Küche ging, stand es vor mir. Oder besser sie, denn jetzt bemerkte ich, dass es eine Frau war. Ihre Haare sahen aus, als hätte sie Trockenshampoo im Übermaß benutzt, sie waren aschblond-grau und standen in alle Richtungen. Sie ging sehr gebeugt, ihre Gliedmaßen traf das Wort verhutzelt am besten, und ihre Lumpenkleider hingen an ihr lose herunter. Sie erschrak bei meinem Anblick und versteckte sich hinter einem der alten Kühlschränke. Oder war ich die, die sich versteckte?

Sie hatte mich erwartet. Im ersten Moment wäre ich gern schreiend davongelaufen, sie markierte hier immerhin ihr Revier. Doch sie tat nichts, sie beobachtete mich nur. Also ging ich in die Offensive, denn ich merkte, dass sie etwas wollte:

⁃ Haben Sie Hunger? Ich habe den ganzen Kühl- und Gefrierschrank voll, alles von meiner Vormieterin. Bitte.

Ich öffnete besagten Schrank und deutete mit einer lässigen Handbewegung von oben nach unten auf all die Tiefkühlschätze. Meine Vormieterin musste mit einer Pandemie oder einem Krieg gerechnet haben. Ein ganzes Fach war voller Erbsen, das andere voller Burger, das nächste enthielt fertige Reiberdatschi („Kartoffelpuffer“).

Die Augen der Frau leuchteten auf. Sie starrte vor allem auf die Erbsen. Ein Erbsenfan also. Ich nickte und sie griff sich so viele Packungen, wie sie nur tragen konnte, ich reichte ihr schnell eine Tüte. Da fiel mir ein:

⁃ Wenn ichs mir recht überlege, wär es viel schlauer, Sie kämen einfach hierher in diese Küche und nähmen sich, was Sie brauchen. Oder haben Sie einen Kühlschrank?

Sie antwortete nicht. Vielleicht hatte sie schon so großen Hunger oder sie hatte im doppelten Boden des Dachbodens verlernt zu kommunizieren. Oder ich projizierte meine Vorstellungen eines Menschen, der in einem 1,50 Meter hohen Raum hauste, auf sie. Gut möglich und sogar sehr wahrscheinlich, aber was sollte ich machen, mir war schließlich noch nie jemand wie sie begegnet. Mein Kopf fabrizierte ohne Unterlass Geschichten, und wenn ich nicht das Gegenteil davon direkt vor meinen Augen hatte, war für mich klar, dass sie auf ihre Weise wahr sein konnten.

Ich packte ihr noch ein paar der Burger ein, die mochte ich sowieso nicht. Gerade kam ich mir sehr wohltätig vor. Hallo, ich half immerhin einer armen alten Frau (Na gut, das Alter war überhaupt nicht erkennbar. Sie konnte Mitte 30 sein oder über 90, wirklich). Gleichzeitig sagte mir eine innere Stimme, dass das wohl gar nicht wohltätig war, selbstlos schon kein bisschen. Ich tat das, weil ich sie erstens zur Freundin oder besser nicht zur Feindin haben wollte, und zweitens, weil ich das Zeug im Kühlschrank eh nicht brauchte. Wie dem auch sei, die Frau vor mir war sowieso nicht gewillt, nur einen Funken Dankbarkeit zu zeigen, vielleicht, weil auch ihr bewusst war, dass darin keine Selbstlosigkeit lag, und weil sie es eh darauf angelegt hatte.

Sie beobachtete mich aus dem Augenwinkel bei meinem inneren Dialog. Als sie erkannte, welche absolute Harmlosigkeit ich darstellte, schloss sie den Kühlschrank, packte beherzt nach den zwei vollen Tüten und war im nächsten Augenblick in dem Loch im Boden dort hinten verschwunden.

Wie meine Geschichte mit meiner neuen Bekanntschaft weitergeht, weiß ich noch nicht. Man sieht sich bestimmt mal wieder, vielleicht erzählt sie mir dann etwas aus ihrem Leben. Bin schon gespannt drauf.

Doppelter Boden (I)

Ich wohnte noch nicht lange hier.

Dementsprechend sah es auch aus. Die Wohnung war ganz oben im Haus, und sie hatte einen doppelten Boden, was für diese Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Eines Tages besuchten mich meine alten Mitbewohner, die neugierig waren, wo ihre ehemalige WG-Oma hingezogen war. Ich wollte es ja selbst gern wissen, manches betrachtet man erst durch die Augen anderer neu und als nicht selbstverständlich.

Ich ging in die Küche. Überall waren Löcher im Boden, alte Gläser standen unabgespült herum, es war wirklich sehr, sehr schmutzig. Der Raum hatte einen Nebenraum, dessen Zweck sich mir nicht offenbarte, außer dass die Bewohner vor mir viele alte und kaputte Dinge hier zurückgelassen hatten. Vielleicht war das ja deren Speicher? Dann sah ich das riesige Loch in der Mitte. („dann“ ist gut, es war eindeutig nicht zu übersehen, doch hatten mich zunächst all die verstaubten kaputten Möbel abgelenkt.)

Ich sah in das Loch hinunter. Es handelte sich um einen etwa 1,50 Meter hohen Zwischenraum, einen doppelten Boden wie schon gesagt, mit von Holzwürmern zerfressenen Balken. Links hinten sah ich einen Wäscheständer, auf dem sehr verstaubte oder schmutzige Klamotten hingen.

Plötzlich wusste ich: Ich war nicht alleine. Jemand war da unter mir, versteckte sich. Um meine aufkommende Angst zu übertönen, stampfte ich laut auf, schrie, jaulte, machte alle mir möglichen komischen Geräusche und trampelte so auf diesem morschen Holzboden herum, dass es Staub regnete.

Und da war es. Ein kleines, gebeugtes Menschlein schüttelte sich und sah mich mit hasserfülltem Blick an. Nur kurz, und dann war es verschwunden, auf allen Vieren, weil es so da unten besser vorankam. Weg war es, Spuren im Dreck und eine unheimliche Stille hinterlassend.

Ich war zutiefst geschockt und fragte mich, was ich in dieser Bruchbude allen Ernstes tat. Warum hatte ich es überhaupt gemietet? Ich war doch eh nie hier. Mir war klar, diese kurze Begegnung hatte noch ein Nachspiel – nur dass sie so ausgehen würde, konnte niemand ahnen.

(18.02.22, Halle) (Fortsetzung folgt)

Zimmerservice

Er servierte mir seinen eigenen Kopf auf einem silbernen Rollwagen.

Gerade war ich dabei, mich in diesem seltsamen, mit dunklem Holz verkleideten Hotelzimmer einzurichten, als eine Tür aus dem Nichts aufschwang. Herein tanzten und räkelten sich nackte Frauen. Ihre Bewegungen verdeckten zunächst das, was sie in ihrer Mitte ins Zimmer schoben. Ich erschrak kurz, und doch war ich positiv überrascht ob der Mühe, die er sich gab.

Da lag auf einem Silbertablett auf einem silbernen Rollwagen, auf dem normalerweise in Hotels das Essen aufs Zimmer geliefert wird, der Kopf jenes Typen, den ich eine Stunde zuvor kennengelernt hatte.

Ich war mit meiner Familie unterwegs gewesen und meine Oma hatte Hunger gehabt. Das war gefährlich, denn wenn sie in Unterzucker kam, ging es ihr gar nicht gut. Es ging ihr sowieso nicht mehr gut. Im Traum davor hatte sie gerufen, sie sei eigentlich ganz froh, jetzt bald sterben zu dürfen.

Da stand ich also an einer Theke, es war eine Mischung aus Metzgerei und Bäckerei inmitten eines Volksfestes, und bestellte eine Breze, am besten mit Butter, wenn‘s geht. Der charmante – und ich muss zugeben, wirklich gutaussehende – Verkäufer gab mir eine große Scheibe Leberkäs dazu und reichte mir den Teller.

Geht aufs Haus! Sagte er und zwinkerte mir zu. Den Leuten neben mir schenkte er ihr Essen ebenfalls. Ich hätte daraus ja keine große Sache gemacht. Vielleicht hatte er die Not meiner Oma bemerkt, vielleicht war er einfach gut gelaunt, vielleicht gefiel ich ihm. Das Paar neben mir flüsterte: Da hat sie den Besitzer Altenburg gleich selbst erwischt, und wir haben auch was davon!

Das war also der Besitzer dieses Komplexes. Mitte 30, mit einem großen Selbstbewusstsein, was ich sehr anziehend finde, dunklen Locken und Dreitagebart. Er kam hinter der Theke hervor und ich dachte schon, er spricht mich gleich an. Doch er ging geradewegs zu meiner Familie, begrüßte meinen Vater und meinen Bruder mit Handschlag, machte eine leichte Verbeugung in Richtung meiner Mutter und meinen Großeltern. Natürlich kannten die sich, er war immerhin Besitzer einer Brauerei in der Gegend.

Er strahlte mich an. Ach, das ist eure Tochter? Wir kennen uns noch gar nicht! Thomas Altenburg mein Name, freut mich! Er reichte auch mir seine kräftige Hand, in seinem Blick eine Mischung aus Schalk und Begehren. Nein, das klingt zu billig. Es war vielmehr das Wissen, das uns etwas verband, dass uns hier und jetzt etwas zusammengeführt hatte. Klingt schon wieder zu klischeehaft, aber so war’s eben, was soll ich sagen. Wenn’s prickelt, dann prickelt’s. Ist es nicht schön, wenn es manchmal ganz kitschig wird? Wenn man seine eigene Hollywoodkomödie lebt?

Er verabschiedete sich, dringende Geschäfte.

Fragen Sie mich nicht wieso, aber ich musste daraufhin in das Hotel nebenan einchecken. Vielleicht war meine Familie weitergefahren, oder ich hatte hier zu tun. Die Beliebigkeit der Träume.

Ein wenig geschockt war ich schon, dass man mir ein Zimmer im Erdgeschoss zugeteilt hatte, in direkter Nähe zum Vergnügungssaal, in dem ich ältere Herrschaften zu Schlagermusik Standard tanzen sah. Aber es war nur für eine Nacht, und ich hatte sowieso das Gefühl, dass das hier Absicht war. Dass hier jemand noch Pläne mit mir hatte. Und irgendwie wünschte ich es mir auch.

Dann kam dieser Zirkus aus Frauenleibern und seinem Kopf herein. Ich betrachtete ihn amüsiert. Seine Augen blickten mich an. Willkommen in meinem Hotel, sagte er ein wenig blechern. Er zwinkerte mir zu.

(Halle, 13.01.2022)

Die Rächerin im weißen Kleid

Die ältere Dame legt letzte Hand an. Ein Krönchen auf meinem Kopf, das Prinzessinnenbrautkleid sitzt perfekt, alles ist bereit für die Zeremonie. Sie sieht mich erwartungsvoll an, als wüsste sie, was ich gleich sagen werde. Sie hat Angst davor.

— Hast du mein Schwert? Ich habe so eine Ahnung, dass ich es heute brauchen werde.
Flüstere ich mit gläsernem, von Vorahnungen getrübtem Blick.

Die Dame nickt.

— Also ist es wahr. Ich habe es schon befürchtet.

Sie dreht sich um und zieht ein diamantbesetztes Schwert hervor. Ich erkenne es. Es ist mein Schwert, das vor so vielen Jahren mein ständiger Begleiter war. Wenn ich es in der Hand halte, ist es erstaunlich leicht. Es ist biegsam und scheint für Kinder gemacht. Doch das Äußere täuscht wie immer. Weiß Gott, wie viele Menschen ich damit verletzt und getötet habe.
Doch das sind Szenen, die in meiner Erinnerung verschwimmen. Vielleicht war das gar nicht ich.

Ich muss lachen.

— Tja, dieses Kleid ist nicht für Frauen mit Schwertern gemacht. Wo stecke ich es denn jetzt hin?

Die Dame lächelt.

— Wunderschön siehst du aus. Mächtig. Furchteinflößend. Hier.
Sie reicht mir einen Gürtel passend zum Kleid, an dem eine Scheide befestigt ist.

Ich bete inständig, dass am Ende des heutigen Tages nicht alles rot sein wird.

So gut ich mich gerade fühle, so sehr ich mir meiner bedeutsamen Rolle bewusst bin und auch sicher weiß, dass dieses Kleid allein mir zusteht und ich die Menschen befreien kann – die Stimme meiner Selbstzweifel beginnt sich zu regen.
Sind sich die anderen wirklich sicher, dass genau ich in diesem Kleid stecken soll? Dass ich dieses Schwert tragen darf? Dass ich gleich in einer mystischen Zeremonie zur „Rasenden Retterin der Menschheit“ ernannt werde?

Was für ein unangenehmer Erwartungsdruck.

Ein kleiner, fieser Teil in mir hofft auf eine Verwechslung, auf einen Menschen, der kurz vorher noch dazwischenruft: Halt, ihr habt euch geirrt, ihr habt die falsche Frau, ich bin es doch! Dann würden wir Kleidung tauschen und ich meine Verantwortung an sie abgeben. Was für eine Erleichterung das wäre.

Aber das ist reine Fiktion. Das ist die Angst in meinem Kopf — mein Herz weiß es besser.

Ich trete in den Gang hinaus und gehe in Richtung des Zeremonienzimmers. Dort sehe ich schon ein paar mir liebe Menschen, alle in weiß gekleidet, erwartungsvoll auf mich wartend, sich an den Händen haltend.
Aber ich bin noch nicht soweit. Ich brauche noch einen kurzen Moment.

Als ich die Augen aufschlage, befinde ich mich an einem anderen Ort. Das Kleid ist noch dasselbe, doch von oben bis unten rot und braun. Ich will gar nicht wissen, warum.
Außerdem habe ich gerade andere Sorgen.

Mit einer Hand hänge ich an einer Wand über einem Abgrund. Oben auf dem Felsen stehen meine Mitstreiter und schreien mir etwas zu. Mit seltsamen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ziehe ich die Erd- und Felsmassen nach oben und unten, wodurch sich eine Höhle zu öffnen scheint. Aus dieser fließen Unmengen an Wasser, weswegen ich vorhin dachte, unter mir sei ein Meer.
Die letzten Bilder sind verschwommen. Wir müssen in diese Höhle, das weiß ich noch. Aus welchem Grund, das nicht. Sie greifen uns an, wir kämpfen. Wir verstecken uns. Wir haben Angst, und sind uns doch unserer Stärke bewusst.

Wir haben mich.

Ich für euch, und wenn ich dabei zugrunde gehe. Wunderbarerweise glaubt ihr an mich. Die Verbindung zwischen uns ist so stark, sie ist mein Antrieb, und ich werde alles für euch geben.
Bei meinem diamantbesetzten Gummischwert und dem nicht mehr ganz so weißen, blut- und schlammverschmutzten Hochzeitsrächerinnenkleid. Ich verspreche es euch.

Dann springe ich.

wer wie was

Wieso weshalb warum.

Wie finde ich mich wieder?
Wie weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin?
Ist das nur eine Phase oder sollte ich mir ernsthaft Gedanken machen?
Wer bin ich eigentlich, und was will ich überhaupt?
Das Erreichte ist getan und in der Vergangenheit. Und jetzt?
Will ich so leben oder doch anders? Kommen diese Vorstellungen aus mir oder von außen? Ist das das Leben, das sich die Gesellschaft als „perfekt“ erträumt, oder das ich mir so ausmale? Woher weiß ich, was was ist?
Woher weiß ich, dass meine Geduld lediglich röchelnde, vor sich hin siechende Hoffnung ist? Die Träume, die ich einst hatte, sind sie überhaupt mit der Realität vereinbar? In der man Rechnungen zahlen muss, in der man muss, muss, muss? Was, wenn ich nicht alles so machen will, „weil man eben muss“, sondern was, wenn ich so leben will, dass es mein Herz erfüllt?
Hat jemand eine Antwort?