Sehnsucht nach Ungreifbarem

Eine Sehnsucht, 
die dich immer weitergehen,
nie stillstehen lässt;
an der du bisweilen verzweifelst,
doch jeder Schritt in ihre Richtung erfüllt dich
wie nichts auf der Welt.

Sie ist still, lautlos gar,
und übertönt doch alles.
Weil dein Außen oft alles einnimmt, vergisst sie dein Kopf, dein Herz aber nie.

Wie etwas finden, von dem du nur weißt, aber nicht weißt, was es ist?
Das du nicht suchen kannst, sondern das dich findet, aber nicht, wenn du stehen bleibst?
Das kein Ende hat, nur das deine,
und das für jeden offenbar und doch unsichtbar ist?

(Halle, 12.06.22; Gedanken zu meinem literarischen Projekt „Die Unterirdischen Seen“)

Ich hab die ganze Nacht von mir geträumt

 Ich liebe Dich  
 Es warst immer nur Du, 
 in jedem, den ich jemals geliebt,  
 ein Teil von Dir.   
 
 Wie Schleier von den Augen  
 fiel mir die Erkenntnis:   
 Das alles bist Du.  
 Warum nur dann  
 liebst Du mich nicht
 auf gebührende Weise?  
 
 Die vielen Stimmen in meinem Kopf,  
 schreien durcheinander:
 Das hast Du aber anders gelernt!  
 Meine Augen blicken in Deine,  
 endlich,
 so tief und unergründlich. 
  
 Ich lege den Spiegel weg und weine bitterlich. 
 Wie befreiend. 

  
   
(Halle, 16.09.2019) 

Tage

An manchen Tagen da
fühl’ ich mich so zerbrechlich, gar durchlässig,
als würd’ ich nicht deinen Fuß,
sondern alle Last der Welt tragen
und jegliches Gefühl der Menschen durch mich hindurch gehen.

Ich verschwinde ins Nichts,
mein Körper trennt sich von meinem Selbst,
ich wand‘re über die Erde,
Mutter, Schwester, Tochter allen Frauen der Welt.

(Aus dem „Uterusaurus“)

Ein Abend Ende November

 Deine Küsse  
 Deine Blicke durch den Raum  
 mich suchend  
 unsichtbare Bande  
 durch die ganze Wohnung  
 lass uns tanzen  
 lass uns küssen  
 lass mich nachhause gehen es ist spät  
 
 sehnsucht nach dir  
 ohne zu wissen wer du bist  
 alles nur in meinem Kopf?  
 
 An jenem Abend geflohen,  
 doch mit dem Wissen von jetzt  
 wär ich so früh nicht gefahren.  
 
 Lass uns tanzen  
 lass uns küssen
 aber langsam  
 im Kreis  
 nicht zu schnell zu schwindel
 erregend  

 Eine Woche wie ein ganzes Jahr.  


(Halle, 14. Dezember 2019)

Ein Gedankenspiel

Frei sein. Loslösen. Ich stelle mir vor, nicht von hier zu sein, sondern von einem anderen Planeten. Ohne Wörter für uns Alltägliches. Ohne Vorstellung, wie die Welt funktioniert, nur beobachtend.

Das erfordert enorme Kraft: Genau hinsehen, was für uns Menschen ganz „normal“ ist, was naturgegeben, was von uns gebaut, kultiviert, künstlich ist. Vergessen. Das Überflüssige vergessen. Alles.

Was sind gewisse Vorannahmen, die ich aufgrund meiner Erfahrung mache und mit der ich Dinge beschreibe? Was sehe ich nicht aufgrund meiner Erfahrung? Auf was lege ich besonderes Augenmerk?

Sehe und beschreibe ich manche Dinge so aufgrund meines kulturellen und sonstigen „Hintergrunds“? Aufgrund der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin?

Wie erlebe ich mit all meinen Sinnen – oder gar ohne sie? (Bei diesem Gedankenspiel gehe ich davon aus, dass der Ausserirdische die gleichen Sinne hat wie wir Erdenbewohner.) Teilweise fehlt mir der Wortschatz, um Dinge „exakt“ zu beschreiben, doch dann kommt die Poesie ins Spiel – beziehungsweise muss ich mit mir bekannten Wörtern das mir Unbekannte wiedergeben.

(Wird der Außerirdische verstehen, was Liebe ist? Was Ehe ist? Alle vom Menschen gemachten Regeln, Grausamkeiten, Zerstörungen seines eigenen Planeten?)

(Halle, 18.05.19)

Münchhausen lebt

Alle rufen  
 
erzählen durcheinander  
 
meine Geschichte, hört  
 
sie an, unglaublich!  
 
Es war genau so, Schwur! 
 
 

Eine davon wählen wir aus  
 
sie passt zu uns und
 
in unsere Anthologie –    
 
Märchen zum Einschlafen.
  
 

Die anderen? Vergiss sie, 
mach
 die Ohren zu, 
sie sind nicht wahr,
 
Münchhausen lebt.